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Politik

Können Reformierte bei der CVP Bundesräte werden?

Ein Podium in Flüh stellte die Frage nach dem «C» in der CVP. Die Diskussion mit Parteipräsident Gerhard Pfister und Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter über Werte und Glaube in der Politik wurde von der Aktualität der Bundesratswahl eingeholt.

Das «ökumenische Gipfeltreffen» in der Kirche Flüh war fest in der Hand der CVP. Neben Parteipräsident Gerhard Pfister, Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter und Brigitte Müller-Kaderli, Präsidentin CVP Baselland, sass der Bättwiler Gemeinderat Glenn Steiger auf der Bühne. «Welche Bedeutung hat das C in der Politik?» lautete das Thema des Anlasses, den Pfarrer Michael Bangert moderierte.

Keine reformierte Kandidatur
Doch dann holte die Aktualität das Podium ein: Wenige Tage zuvor hatte die CVP die reformierte Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter nicht als Kandidatin für die Bundesratswahl nominiert. Viele Protestanten in der Partei habe dies verärgert, erzählte Schneider-Schneiter. Sie hätten angerufen und ihren Austritt aus der Partei angekündigt. Die Baselbieterin glaubt jedoch nicht, dass die Frage der Konfession eine Rolle gespielt habe. Ihre Baselbieter Herkunft und ihr Dialekt seien ausschlaggebender gewesen als ihr reformierter Glaube.

Dem stimmten auch die anderen zu. Glenn Steiger betonte, selbst Muslime könnten Mitglied in der CVP werden, solange sie sich zu den hiesigen Grundwerten bekennen. Und dies machten ja die meisten Muslime in der Schweiz.

Gerhard Pfister räumte ein, dass weniger die Konfession eine Rolle spiele als das Milieu. Die CVP entstand nach dem Sonderbundskrieg als Reaktion auf die reformierte Dominanz. Heute seien 90 Prozent der CVP-Wähler katholisch. Viele in der Partei stammten aus Regionen, in denen der Katholizismus vorherrsche. Entsprechend werde die CVP in der Innerschweiz und dem Wallis geprägt. Für die Zukunft der Partei werde es zum Problem, dass sie sich über das Milieu definiere und nicht über Ideen. In den urbanen Zentren finde sie so wenig Anklang, sagte Pfister.

«Die Bibel betreibt keine Politik»
Bei der Frage nach dem Glauben in der Politik vertraten die vier Politiker unterschiedliche Standpunkte: Während für Steiger und Müller-Kaderli der persönliche Glaube in der Politik eine Rolle spielt, unterschied Pfister zwischen seiner Privatperson und dem Politiker. In der Politik dürfe er sich nicht von seinem Glaubensverständnis leiten lassen. «Ansonsten gerät man in die Nähe der Taliban, das ist gefährlich», so Pfister. Pfister hält es für eine der Errungenschaften des Christentums, dass die Religion keine Politik betreibe. «Die Bibel sagt nichts darüber, ob man die Steuern erhöhen oder senken soll.»

Menschenwürde, Freiheit und Solidarität
Bei den christlichen Werten waren sich die vier CVPler weitgehend einig: Gerhard Pfister lässt sich in seiner Politik von der Menschenwürde, der Freiheit und der Solidarität leiten. Es sei ein Markenzeichen der CVP, «dass es ihr gelingt, die Freiheit und Solidarität miteinander zu verbinden», sagte der Parteipräsident.

Für Elisabeth Schneider-Schneiter heissen die Werte «Vertrauen, Nächstenliebe, Solidarität und Treue». Diese Werte prägten das gesellschaftliche Leben in der Schweiz. Schneider-Schneiter erwartet, dass auch die anderen Parteien diese ernst nehmen.

Wertkonservativ, aber nicht rechts
«Ist die CVP durch die Betonung des Christlichen zu konservativ?», wollte Michael Bangert wissen. Für Schneider-Schneiter bedeutet konservativ nicht einfrieren, sondern das Bewährte behalten und weiterentwickeln. Die CVP sei wertkonservativ und müsse ihre Positionen klarer vertreten, sagte Pfister, gerade gegenüber der SVP. «Die SVP ist eine rechte Partei und keine konservative.» Für die CVP seien Werte verbindlich, deshalb verteidige sie die Soziale Marktwirtschaft. Die Soziale Marktwirtschaft sei keine linke Idee. Sie wurde von den Christdemokraten nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entwickelt und zeichne sich durch Eigenverantwortung und Solidarität aus. Soziale Markwirtschaft richte sich nach der Würde des Menschen, ergänzte Brigitte Müller-Kaderli.

«Und wie steht es bei den Christdemokraten mit Ehrlichkeit und Treue?», fragte Bangert und spielte auf die Lebensführung einzelner CVP-Politiker an. Sie seien keine besseren Menschen, meinte Elisabeth Schneider-Schneiter. «Man misst die CVP mit höheren Massstäben», sagte Pfister. «Wenn man in der Öffentlichkeit steht und Fehler macht, verliert man die Glaubwürdigkeit.» Es verdiene Respekt, wenn die Leute dann die Verantwortung übernehmen und zurücktreten.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 13. Dezember 2018