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Politik

«Sprechen die da drüben auch deutsch?»

Wie erlebten Deutsche, die heute im Kanton Glarus leben, die Maueröffnung am 9. November 1989?

Werner Scherf aus Thüringen

Ich wohnte 1989 in Berlin (Ost). Am 9. November fuhr ich spätabends nach Hause. Am Alexanderplatz wunderte ich mich über etwa 30 Leute, die vor dem Reisebüro standen. Zu Hause sah ich dann im Fernsehen die Bilder überglücklicher Ossis vom Grenzübergang Bornholmer Strasse.

Am nächsten Abend lief ich vom Grenzübergang Invalidenstrasse quer durch Westberlin bis zum Funkturm und wieder zurück. Die Flasche Coca-Cola, die mir ein Westberliner schenkte, zierte noch monatelang meinen Schreibtisch.

Aus heutiger Sicht wird die Grenzöffnung oft als Beginn der Wiedervereinigung gesehen, aber damals hat niemand an so etwas gedacht. Alle wollten einfach einen menschlichen Sozialismus mit mehr Freiheiten. Kanzler Kohl wurde auf einer Kundgebung in Westberlin überwiegend von Ostberlinern ausgebuht und ausgepfiffen.

Für mich als überzeugten Kommunisten war das eine der Freiheiten, für die ich mich jahrelang eingesetzt hatte, und der Beginn einer Chance, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen. Das folgende halbe Jahr war das freieste, das ich je erlebte. 1990 wollte dann aber die Mehrheit meiner Landsleute keine neuen sozialistischen Experimente mehr, sondern in die sicheren Arme der reichen und freien Bundesrepublik.

Wie der Kapitalismus wirklich ist, erlebten sie erst später...

 

Christina Brüll aus Nordrhein-Westfalen

Ich bin Jahrgang 72 und in Westdeutschland aufgewachsen. Wir haben Verwandte in Jena, die wir vor der Wende alle ein bis zwei Jahre besucht haben. Da ich aus einer Reise-Familie stamme, war für mich die Vorstellung, dass die Leute die DDR nicht verlassen durften, das Schlimmste. 

Den Mauerfall (ich war 17) habe ich irgendwann über das Radio erfahren. Ich kann mich gut an das Gefühl erinnern. Für mich bedeutete das einfach: Freiheit für die Menschen, Freiheit zum Reisen, Freiheit, seine Meinung sagen.

Damals hatte ich die Hoffnung, dass sich Ost und West nun zusammensetzen würden und ein neues besseres Deutschland entstehen würde. Das hat dann wohl leider nicht geklappt.

Die Beziehung zu den Verwandten in Jena hat sich leider verlaufen. Unsere Verwandten hatten sehr schlechte Erfahrungen mit Abzocker-Wessis gemacht und sind sehr auf Abstand gegangen.

 

Dagmar Doll aus Nordrhein-Westfalen

Zwei Berichte aus West und Ost. Ich bin im Westen aufgewachsen und habe sogar mal gefragt, ob die da drüben auch deutsch sprechen. Ich kannte keine Menschen dort und genoss mein Leben als freier Teenager mit erster England-Reise ohne Eltern, inklusive Boyfriend und erstem Kuss. Das dort etwas Grosses passierte, das haben andere Menschen glücklicherweise eher erkannt als ich.

Das alles ist 30 Jahre her, und ich denke, dass es immer noch um Aufarbeitung geht, damit das zusammenwachsen kann, was zusammengehört, aber noch viele offene Stellen hat, die geflickt werden müssen. Die Menschen in der DDR sind zu einem grossen Vorbild geworden. Friedlich einzustehen für Freiheit und Demokratie. Schaut man heute zum Beispiel nach Hongkong, dann wird deutlich, was das bedeutet.

 

Zusammengetragen von Dagmar Doll