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Gesellschaft

«Das ist der beste Job»

Seit fünfzehn Jahren verteilt «Tischlein deck dich» in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel Lebensmittel. Für Leiter Hans-Jörg Rudin ist dies ein Highlight der Woche.

Draussen herrscht an diesem Morgen tristes Novemberwetter. Drinnen, in der Offenen Kirche Elisabethen, drängen schon die Ersten an den Tisch, auf dem nummerierte Kugeln in einem Zylinder drehen. Stoppt dieser, fällt eine Kugel heraus und entscheidet über die Reihenfolge, wann man seine Tasche mit Gemüse, Früchten, Brot, Salat, Milch und anderen Lebensmitteln füllt. Manchmal gibt es auch ein Stück Schokolade. «Mit diesem Los schaffen wir ein Stück Gerechtigkeit», erzählt Hans-Jörg Rudin, Leiter der Ausgabestelle. «So kann jeder und jede einmal als Erster das frischeste Gemüse und die schönsten Früchte auslesen.»

Über 60 Kundinnen und Kunden
Der 64-Jährige ist seit drei Stunden unterwegs, holte bei einer Bäckerei Brotwaren vom Vortag ab und organisiert mit zahlreichen Helferinnen und Helfern das Eintreffen der Lebensmittel. Über 60 Personen kommen jeweils am Dienstagmorgen. Für einen symbolischen Franken können sie bei «Tischlein deck dich» einkaufen. Die Basler Sozialfachstellen überprüfen, ob sie dazu berechtigt sind. Die meisten gehören zu den am stärksten von Armut betroffenen Gruppen: alleinstehende Mütter, chronisch Kranke, Betagte, die von der AHV leben müssen, ausgesteuerte Arbeitslose und Migranten. 

Treffpunkt am Dienstagmorgen
Für viele ist der Dienstagmorgen in der Offenen Kirche Elisabethen ein Treffpunkt, an dem sie sich austauschen können. Die Offene Kirche wird zur Begegnungsstätte. Rudin und die anderen hören den Leuten zu und unterstützen sie auch bei Behördenanliegen. Vorne im Chor schneidet eine Coiffeuse für wenige Franken den Armutsbetroffenen die Haare.

Hans-Jörg Rudin kennt viele der Schicksale. Manche gehen ihm nahe, wie das einer jungen Mutter, die als 20-Jährige in ihrem Heimatland einen kritischen Kommentar in einer Zeitung geschrieben hatte. Sie wurde verhaftet und gefoltert. Nach neun Jahren Haft kam sie frei und konnte in die Schweiz flüchten. Noch heute leidet sie unter den Folgen der Folter. Das mache ihn ganz wütend, sagt Rudin und zeigt auf den Bauch. «Da vibriert es in mir.»

132 Abgabestellen in der Schweiz
Der Verein «Tischlein deck dich» führt die Lebensmittelabgabe in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel seit 15 Jahren. Er betreibt inzwischen 132 Abgabestellen in der Schweiz. Die Lebensmittel – einwandfrei, wie der Verein betont – stammen von Grossverteilern, Bäckereien, Geschäften und Bauern und würden sonst im Abfall landen. Die Abgabestelle in der Offenen Kirche setzte seit der Eröffnung 403 500 Kilogramm Lebensmittel um.

Hans-Jörg Rudin hat das Konzept der Bekämpfung von Armut und Foodwasting überzeugt. Seit 2015 arbeitet er mit, 2017 übernahm er die Leitung. Mit 60 Jahren wurde er frühpensioniert. 43 Jahre lang hatte er bei Novartis als Laborant und später in der Lehrlingsausbildung und in der Qualitätssicherung gearbeitet. «Es ging mir im Leben gut», erzählt er, «deshalb wollte ich etwas zurückgeben an jene, mit denen es das Leben nicht so gut meint.» Bereut hat er diesen Schritt nie. «Es ist ein fantastischer Job, ein Highlight der Woche. Ich erhalte so viel von den Leuten zurück», sagt er. Dann wird Rudin gerufen und verschwindet zwischen den Helferinnen, dem Gemüse und «unseren Kunden», wie Rudin die Armutsbetroffenen liebevoll nennt.

Tilmann Zuber, kirchenbote-online, 4. Dezember 2019



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Adieu Urs 

Noch nie waren wir so sehr auf die Menschen im Gesundheits- und Rettungswesen angewiesen wie jetzt. Zeit, ihnen allen Danke zu sagen für die schon fast übermenschliche Leistung, die ihnen angesichts der Corona-Krise abverlangt wird. Dies wollte Urs Heer mit diesem Bild ausdrücken. 

Auch er war wegen einer schweren Erkrankung schon länger auf die Unterstützung der Medizin angewiesen. Leider konnte sie in seinem Fall nicht mehr helfen: Er verstarb, kurz bevor «Reformiert GL» gedruckt wurde. 

Wir trauern mit seinen Angehörigen um einen liebenswerten Menschen und hervorragenden Fotografen, der in den vergangenen 18 Jahren jede Ausgabe von «Reformiert GL» mit einem wunderbaren, kreativen Bild auf der «Letzten Seite» bereichert hat. Zwei Tage vor seinem Tod schickte er noch Fotos bis zum September. Es war ihm ein Anliegen, dass diese noch erscheinen werden. Gerne respektieren wir seinen Wunsch. 

Wir danken Urs Heer posthum für sein jahrelanges, zuverlässiges und wertvolles Wirken im Dienste unserer Landeskirche. Seinen Angehörigen sprechen wir unser tiefempfundenes Beileid aus. Auch wir sind sehr traurig. Er ruhe in Frieden. (mb)