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Kirche

Kirche ist auch in schwierigen Zeiten gefragt

16.07.2020
Die Corona-Krise hat eine «Kirche auf Distanz» ausgelöst. Anderseits hat sie zu einem Kreativitätsschub geführt. Und zur Erfahrung, dass Kirche auch in schwierigen Zeiten gefragt ist.

Welche Auswirkungen hatte der Corona-Lockdown auf die Reformierte Landeskirche und die Kirchgemeinden? Pfarrer Ulrich Knoepfel, Glarner Kirchenratspräsident, antwortet klar: «Eigentlich war es eine katastrophale Sache. Sie hat uns zu ‘Kirche auf Distanz’ gezwungen, was ein Unding ist, denn die Kirche lebt von der Gemeinschaft.» So mussten Gottesdienste und Altersnachmittage gestrichen werden. Der Unterricht wurde abgesagt, die Seelsorge weitgehend auf Telefon umgestellt.

«Am schwersten war, dass das Abschiednehmen von lieben Verstorbenen nur noch im kleinsten Kreis und in rudimentärer Form möglich war. Darunter haben viele Hinterbliebene sehr gelitten.» Auch dass die Landeskirche schon relativ früh die Konfirmationen absagte, wurde zunächst nicht überall verstanden. «Die Folgezeit hat uns – leider – Recht gegeben.»

Innovations- und Kreativitätsschub

Beeindruckt hat Ulrich Knoepfel, wie Pfarrpersonen, Behördenmitglieder und Mitarbeitende in den Kirchgemeinden auf kreative Art nach Wegen suchten, die Menschen zu erreichen. Bald entstanden da und dort kreative Videogottesdienste. «Deren Klickzahlen waren wohl höher als die Zahl traditioneller Gottesdienstbesucher», meint der reformierte Kirchenpräsident.

Zudem gab es auch von aussen sichtbare Aktionen wie beispielsweise Osterfeuer mit Take-Away-Predigt oder Trompeter ab dem Kirchturm. Und die Pandemie senkte für manche Seesorgerinnen und Seelsorger die Hemmschwelle, auch kirchenfernere Menschen per Telefon zu kontaktieren. «Sie machten fast durchwegs die erfreuliche Erfahrung, dass solche Kontaktnahmen geschätzt wurden.»

Laut Ulrich Knoepfel hat Corona in der ganzen Schweizer Kirchenlandschaft einen unglaublichen Innovations- und Kreativitätsschub ausgelöst. Er erinnert an verschiedenste Versionen von «Gottesdiensten auf Distanz». An Feiern mit über 30 Mitgestaltenden über orchestriertes Video-Chorsingen bis zu Zoom-Andachten mit gegen 100 Mitfeiernden. «Die Kirche hat dabei die Erfahrung gemacht, dass wir in schwierigen Zeiten durchaus gefragt sind.»

Auf die Menschen zugehen

Welche Lehren zieht sie nun daraus? «Wir dürfen nicht meinen, die Menschen kämen zu uns, wenn nur unsere Angebote interessant genug sind. Nein, wir müssen auf die Menschen zugehen, sie ansprechen und herausfordern. Manches in dieser Richtung haben wir in der Coronazeit gemacht, und in dieser Art müssen wir weitermachen.»

Denkt der Kirchenpräsident, dass die Krise bei den Menschen künftig etwas nachhaltig verändern wird? «Corona hat uns wieder ins Bewusstsein gerufen, dass das Leben keine Selbstverständlichkeit ist. Wir sind vergängliche Wesen, auf Gedeih und Verderb abhängig von den Lebensgrundlagen. Es braucht wenig, und es gibt mich nicht mehr. Mancher geht nach Corona wohl demütiger durchs Leben.» Ebenso wenig selbstverständlich sei unsere heutige Lebensweise. «Corona hat uns aber gezeigt, dass es auch mit weniger geht: Mit weniger Mobilität, mit weniger Tempo.»

Doch der Blick in die Zukunft ist getrübt. Bis jetzt konnte unser Land die wirtschaftlichen Konsequenzen von Corona einigermassen gut abfedern, auch wenn viele Menschen die Krise schmerzhaft spürten. «Es ist aber zu erwarten, dass der eigentliche konjunkturelle Einbruch noch kommen wird. Wir werden konfrontiert sein mit mehr Arbeitslosen, mit Gewerbetreibenden und Unternehmern, die um ihre Existenz bangen. Mit Menschen, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können.» Hier könnte laut Ulrich Knoepfel noch einiges an Arbeit auf die Kirchen zukommen: «Den Menschen Hoffnung zu geben, dass auch in schwierigsten Zeiten ein sinnvolles und erfülltes Leben möglich ist.»

Madeleine Kuhn-Baer, Medienbeauftragte