News von der Glarner reformierten Landeskirche
#denkpause

Das Wirken des Heiligen Geistes in der Welt

von Pfarrer Immanuel Nufer
min
26.05.2023
Mit Pfingsten kommt der Heilige Geist in die Welt. Was das für uns heute immer noch bedeuten kann, darüber schreibt Pfarrer Immanuel Nufer aus der Kirchgemeinde Kerenzen - eine kurze Denkpause im Alltag.

Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.

Diese Worte stammen aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus, welche er an die Gemeinde in Korinth schrieb. Korinth war dazumal eine wirtschaftlich und kulturell pulsierende Stadt, welche Menschen unterschiedlichster Herkunft anzog, die etwas aus ihrem Leben machen wollten. Entsprechend durchmischt war auch die christliche Kirche vor Ort, weswegen es offensichtlich zu zwischenmenschlichen Spannungen kam, die Paulus veranlassten, einen ermahnenden Brief an sie zu schreiben. Wir sollen uns nicht √ľber unsere Herkunft definieren und schon gar nicht andere deswegen geringer sch√§tzen, denn wir alle sind durch den gleichen Geist in dieselbe Kirche hineingetauft.

Diese Worte waren f√ľr die Ohren eines Korinthers ungeheuerlich. Vor allem die Vorstellung, dass die Unterscheidung zwischen Sklaven und Freien aufgehoben werden soll. Diese Aussage hat neben anderen Stellen in der Bibel nicht nur das Menschenbild in der damaligen Kirche in Korinth auf den Kopf gestellt, sondern in der Folge auch jenes Europas, ja letztlich der ganzen Welt.

Sklaverei geh√∂rte n√§mlich leider zur Konstante der Menschheitsgeschichte. Kaum eine Region, in der Sklaverei nicht verbreitet gewesen w√§re. Kaum ein Volk, das nicht andere V√∂lker unterdr√ľckte und Menschen versklavte, wenn es die Macht dazu hatte. Sklaverei war zu allen Zeiten und in allen Kulturen verbreitet. Mit einer grossen Ausnahme: Im Zuge der Christianisierung Europas nach dem Ende des r√∂mischen Reiches gelang es der Kirche langsam aber stetig, die V√∂lker und neu entstehenden Reiche Europas von der Abschaffung der Sklaverei zu √ľberzeugen. Europa war deswegen nicht eine heile Welt. Die Leibeigenschaft zum Beispiel √ľberlebte gerade auf dem Kontinent noch lange und wurde erst in der Neuzeit ganz abgeschafft.

Vor allem aber ist es eine schreckliche Tragik, dass europ√§ische L√§nder im Zusammenhang mit der Eroberung der Weltmeere und ferner Kontinente die Sklaverei wieder entdeckten und vielfach in ihren Kolonien einf√ľhrten. Dabei muss gesagt werden: Die europ√§ischen L√§nder mussten den Sklavenhandel nicht neu erfinden, sondern konnten auf gut funktionierende Sklavenm√§rkte zur√ľckgreifen, welche sie insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent vorfanden. Sklaverei war dort schon vor der Ankunft der Weissen verbreitet. Afrikaner versklavten Afrikaner. Dasselbe gilt f√ľr Indianerst√§mme in Nordamerika, die sich ebenfalls gegenseitig versklavten.

Das rechtfertigt die Geschichte des Sklavenhandels der europ√§ischen M√§chte keineswegs. Im Gegenteil: die christlichen L√§nder Europas haben gegen ihre eigene Glaubens√ľberzeugung gehandelt und damit nicht nur grosses Elend in vielen Regionen der Welt hervorgerufen, sondern auch dem Ansehen Europas und des Christentums geschadet. Die Folgen dieser Wunden sind heute noch sp√ľrbar.

Und doch muss an dieser Stelle betont werden, dass die Kolonialm√§chte von sich aus den Sklavenhandel wieder abschafften, was sehr wahrscheinlich ein Novum in der Geschichte der Menschheit darstellt. Anstoss dazu gaben die Kirche und Christen, welche auf den Widerspruch mit dem christlichen Menschenbild hinwiesen. Die spanische Krone verbot schon im 16. Jahrhundert aufgrund theologischer Diskussionen in der Kirche in ihren Kolonien die Sklaverei. Das britische Empire schuf die Sklaverei aufgrund der Initiative des Parlamentsabgeordneten William Wilberforce 1833 in allen ihren Kolonien ab. Schlussendlich wurde der Sklavenhandel auch im ehemaligen osmanischen Reich aufgehoben, als die Briten nach dem 1. Weltkrieg die Kontrolle √ľber dieses weite Gebiet im Nahen Osten erlangten. Die Tatsache, dass heute die Sklaverei weltweit grunds√§tzlich ge√§chtet ist, kann nicht ohne die Christianisierung Europas verstanden werden.

Europas Geschichte sollte deswegen nicht verklärt werden. Sie entspricht aber auch nicht den vielfach verzerrten und negativen Darstellungen, die heute gerne erzählt werden. Europa kennt seine Irrungen und Schandtaten wie alle grossen Zivilisationen der Menschheitsgeschichte. Aber wo Europa Hörerin und Täterin der biblischen Botschaft war, hat es auch Segen in die Welt gebracht.

Wir wissen nicht, ob Paulus sich bewusst war, welche Wirkung seine Worte in der Welt haben w√ľrden. Er war jedoch der festen √úberzeugung, dass das Wirken des Heiligen Geistes, welches ihn zum Verfassen dieses Briefes veranlasste, keine Grenzen kennt, denn Gott selbst wirkt durch den Heiligen Geist in dieser Welt. Deshalb sollen wir uns an Pfingsten nicht bloss daran erinnern, was vor knapp 2000 Jahren einmal geschah, sondern auch an alles, was seither passierte. Vor allem aber sollen wir daraus die Hoffnung sch√∂pfen, dass Gottes Geist auch heute noch m√§chtig wirkt.

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