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Gleichnis

Debatte um Skulptur: Sind die törichten Jungfrauen noch zeitgemäss?

von Noemi Harnickell
min
16.03.2026
Seit Jahrhunderten zieren «die klugen und die törichten Jungfrauen» Kirchen von Basel bis Strassburg. Nun soll eine Skulptur in Allschwil entfernt werden. Aber was zeigt das Kunstwerk wirklich – und wer hat das Gleichnis falsch verstanden?

FĂĽnf Frauen sitzen an einem Tisch und trinken Wein. Am Tischende ein Mann mit Bart. FĂĽnf weitere Frauen stehen mit traurigen Blicken vor der TĂĽr. Sie werden nicht hereingelassen.

Um dieses Bild, das die Bronzeplastik «Die zehn Mädchen» vor dem Calvinhaus in Allschwil, Baselland, darstellt, wird im Moment gestritten. Denn: Dem Kirchgemeinderat ist sie ein Dorn im Auge. Nicht mehr zeitgemäss, nicht länger repräsentativ für die reformierte Kirche des 21. Jahrhunderts. Die Skulptur solle möglichst weit weg. Der Entscheid fiel vor dem Hintergrund des geplanten Abrisses des Kirchgemeindehauses. Nur: Wohin mit dem Kunstwerk? Der Beschluss des Kirchgemeinderats hat in der Region Empörung ausgelöst.

Dabei könnte genau dieses Kunstwerk einen Raum schaffen, in dem die Bibel neu interpretiert wird. Wer sind die «Zehn Mädchen»? Wer ist der Mann am Ende des Tisches? Und wird man der Geschichte wirklich gerecht, wenn man sie des Sexismus bezichtigt?

Jungfrauen oder junge Frauen?

Das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen im Matthäusevangelium erzählt die Geschichte von zehn Jungfrauen, die einem Bräutigam aufwarten. Nur fünf von ihnen haben daran gedacht, Öl für ihre Lampen mitzubringen. Als die Nacht hereinbricht und der Bräutigam die Tür öffnet, werden sie hereingelassen. Den fünf Frauen, deren Öllampen erloschen sind, wird die Tür vor der Nase zugeschlagen.

«Das Gleichnis hat eine ziemlich üble Auslegungsgeschichte», sagt Luzia Sutter Rehmann. Sie ist Professorin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und hat sich intensiv mit der Geschichte auseinandergesetzt. Die Geschichte werde oft missverstanden, findet Sutter Rehmann. «Das altgriechische Wort ‹parthenos› kann zwar durchaus mit ‹Jungfrau› übersetzt werden, richtiger wäre aber ‹junge Frau› oder ‹Mädchen›», erklärt sie.

«Jesus ist in dieser Geschichte nicht der Bräutigam, das ist eine absurde Vorstellung.»

Mit zwölf Jahren galten Mädchen im Römischen Reich bereits als erwachsen und mussten sich ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. Eine Möglichkeit, an Geld zu kommen, bot sich bei Hochzeitsprozessionen. Diese Umzüge wurden von Musik, Fackeln und Gesang begleitet. Junge Mädchen waren ein zentrales Element der Feierlichkeiten. «Ohne Licht», sagt Sutter Rehmann, «konnten diese Mädchen nicht am Umzug teilnehmen.»

Jesus steht auf der Seite der Törichten

Sutter Rehmann kritisiert die Art, wie die Geschichte auf Peter Moilliets Skulptur dargestellt wird. Dort ist der Mann am Ende des Tisches nämlich kein Geringerer als Jesus selbst. «Wenn in der Bibel die Rede ist von mächtigen Männern, werden diese oft als Jesus oder Gott interpretiert», sagt sie. «Aber Jesus ist in dieser Geschichte nicht der Bräutigam, das ist eine absurde Vorstellung.»

 

Luzia Sutter Rehmann lehrt Neues Testament als Titularprofessorin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel. Gemeinsam mit Ulrike Metternich veröffentlicht sie für die Evangelische Akademie Berlin den monatlichen Podcast «Feministische Bibelgespräche».

«Die törichten Jungfrauen» im Podcast «Feministische Bibelgespräche»

 

Das Problem beginne bereits bei der Sprache. «Das Wort ‹töricht› wird in der Bibel ganz anders konnotiert. Im Korintherbrief steht zum Beispiel: ‹Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.› – Gott schliesst also nicht die Tür vor den ‹törichten› Mädchen, im Gegenteil: Er stellt sich auf ihre Seite.» Tatsächlich widerspricht ein Jesus, der die Tür zuschlägt, seinem eigenen Versprechen aus der Bergpredigt: «Klopfet an und es wird euch aufgetan.»

Von Basel bis Strassburg: Die Jungfrauen an Europas Kirchen

 Das Gleichnis der klugen und törichten Jungfrauen wurde auf kirchlichen Gebäuden immer wieder dargestellt. Sehr bekannt ist etwa das Relief über der Galluspforte des Basler Münsters. Es gilt als das älteste erhaltene Figurenportal im deutschsprachigen Raum und zeigt den richtenden Jesus am Tag des Jüngsten Gerichts. Direkt darunter: die Szene mit den Jungfrauen. Auch in dieser Darstellung ist es Jesus, der die klugen Jungfrauen zum Hochzeitsfest empfängt, während die törichten draussen bleiben müssen. Auch am Berner Münster sind die zehn Jungfrauen beidseitig des Jüngsten Gerichts zu sehen, ebenso am Strassburger Münster, dem Erfurter Dom, der Nôtre Dame sowie dem Dom St. Mauritius und Katharina in Magdeburg – um nur eine Handvoll zu nennen.

 

Die Galluspforte des Basler Münsters gilt als ältestes erhaltenes Figurenportal im deutschsprachigen Raum. Auch hier sind die Jungfrauen zu sehen – links die «klugen», rechts die «törichten». | Foto: Nicole Noelle

Die Galluspforte des Basler Münsters gilt als ältestes erhaltenes Figurenportal im deutschsprachigen Raum. Auch hier sind die Jungfrauen zu sehen – links die «klugen», rechts die «törichten». | Foto: Nicole Noelle

 

Eine Chance für Kreativität

Eva Moilliet, Tochter des 2016 verstorbenen Künstlers Peter Moilliet, erkennt in der Skulptur den Humor ihres Vaters wieder. Jesus als Bräutigam, Weingläser statt Öllampen – das sei Ausdruck seines Schalks, findet sie. «Man zerredet heute alles», so Moilliet. «Mir kommt es gar nicht in den Sinn, Kunst so auseinanderzunehmen. Wenn das als nicht mehr zeitgemäss gilt, dann müsste man alles abschaffen – auch die Kunst der Ägypter.»

Auch Luzia Sutter Rehmann betont, sie sei nicht für das Entfernen von Kunstwerken. Vielmehr sehe sie in der Debatte eine Chance. Sie schlägt vor, ein zweites Kunstwerk fertigen zu lassen, um den weitläufigen Interpretationsraum der Geschichte aufzuzeigen. Oder eine Vortragsreihe zu veranstalten, bei der verschiedene Theologinnen ihre Auslegungen darlegen könnten.

Wie es mit der Skulptur weitergeht, ist derzeit noch unklar. Die politische Gemeinde Allschwil hat sich dafür ausgesprochen, das Kunstwerk im Ort zu erhalten, womöglich mit einer Infotafel. Auch das liesse Raum für Kreativität: «Was mir an dem Relief gefällt», sagt Sutter Rehmann, «ist, dass man hindurchsieht. Man könnte die Skulptur doch so platzieren, dass man das Bild mit dem vergleichen kann, was man hintendran sieht.»

 

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