Denkpause: Heilsame Selbstgespräche führen
Abends beim Einschlafen oder morgens, wenn ich noch nicht ganz wach bin, machen meine Gedanken wunderliche Reisen. Und weil dann irgendwann ein Moment der wachen Besinnung für mich dazugehört, bevor der Tag mich einholt mit all seinen Anforderungen, hilft mir da oft ein Psalm oder ein Lied, um mich zu sammeln. Mit erstaunlicher psychologischer Aufmerksamkeit greifen viele dieser Gebete alltägliche Erfahrungen und Befindlichkeiten auf.
Die Gebetstradition der Psalmen in der Bibel ist wie eine Schatzkiste. In zahlreichen Psalmen wird nicht nur gesungen, gelobt, gedankt, geklagt, getanzt, sondern das Gebet ist auch - eine eigentliche Zwiesprache zwischen den Betenden und ihrer Seele. Lobe den Herrn, meine Seele, heisst es da, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Oder es wird gefragt: Was bist du betrübt, meine Seele, was bist du unruhig in mir? In diesen Gebeten wird nicht nur Zuversicht oder Dankbarkeit oder Hoffnung hochgehalten, sondern die eigene Seele wird aufmerksam in Blick genommen und befragt. Auch den dunklen Seiten wird Raum gelassen.
Kennen Sie die Geschichte vom »Seelenvogel«? Jeder Mensch hat einen Seelenvogel in seinem Inneren. Er steht auf einem Bein und fühlt, was wir fühlen. In seinem Bauch hat er vielen Schubladen. Alles, was wir fühlen, hat eine Schublade, heisst es da. Und wir fragen unseren Seelenvogel, wir fragen uns: Wie ist Dir denn, meine Seele? Singst Du voller Freude? Trägst Du gerade ein Trauergewand? Tanzt Du, oder drückt dich eine Last? Lassen ängstliche Gedanken Deinen Atem stocken? Oder erfüllt Dich Staunen? Rumort der Ärger? Macht Zuneigung sich breit? Kannst Du tiefe Momente der Ruhe empfinden, oder drehen deine Gedanken sich endlos wie auf dem Karussell. Was für Gespräche führst Du mit dir den ganzen Tag? Was für wunderliche Figuren fahren und bewegen sich auf Deinem Seelenkarussell?
Wie ist dir, meine Seele?, fragen die Menschen in den Psalmen. Vielleicht helfen die Bilder des Seelenvogels oder des Karussells, den eigenen Seelengesprächen freundlich und aufmerksam zuzuhören. Worte zu finden. Besser zu verstehen vielleicht, warum da ist, was ist, in meiner Seele. Einen anderen Blick darauf zu finden, vielleicht. Danach kann man dann Schubladen auch wieder schliessen, und andere öffnen. Oder auf dem Karussell, wie bei dem schönen Exemplar beim Zirkus Mugg, einen schönen Sitz mit Ausblick in die Glarner Berge finden. So können die Selbstgespräche einen heilsamen Weit(er)blick gewähren. Oder, wie es die vielen Menschen, die im Psalmen-Beten neue Hoffnung fanden, es formulierten: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Und: Was bist du betrübt und unruhig in mir, meine Seele. Warte geduldig auf deinen Gott, auf ihn, den du als deine Hilfe, deine Freude, dein Licht kennengelernt hast.
Denkpause zum 28.2.2026, Pfarrerin Martina Hausheer-Kaufmann, Niederurnen
Bild: zvg, Zirkus Mugg, Betschwanden
Denkpause: Heilsame Selbstgespräche führen