News von der Glarner reformierten Landeskirche

Der Protestantismus und Israel

von Pfarrer Immanuel Nufer
min
06.11.2023
Die protestantische Sichtweise, die Verpflichtung der reformierten Kirchen und das Hinterfragen von Narrativen angesichts des Terrorangriffs auf Israel und dessen Konsequenzen: Pfarrer Immanuel Nufer aus Obstalden schreibt darüber in der aktuellen #denkpause.

Der Reformationstag steht dieses Jahr im Schatten des f├╝rchterlichen Massakers der Hamas an Zivilisten in Israel. Zwar liegt dieses Ereignis auch schon wieder ├╝ber drei Wochen zur├╝ck, aber die Schwere des Attentats l├Ąsst einen erahnen, dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Die Gr├Ąueltaten der Terroristen sind ein Zivilisationsbruch und lassen l├Ąngst vergessene Bilder und Erinnerungen der Shoa wachwerden.

Ersch├╝tternd ist auch, wie zur├╝ckhaltend, ja relativierend die Reaktionen der Politik in der arabischen Welt unmittelbar nach dem Blutbad waren. Und doch ist es nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass in vielen St├Ądten muslimischer L├Ąnder Kundgebungen stattfanden, in denen die Menschen den Erfolg des grauenhaften Terroranschlages feierten. Der Antisemitismus bzw. der Hass gegen die Juden und Israel ist tief verankert in der Kultur islamischer L├Ąnder.

Aber nicht nur dort. Weltweit scheinen die Sympathien f├╝r Israel auch nach dem Massaker schwach ausgepr├Ągt zu sein. Eine UNO-Resolution, welche den Terroranschlag der Hamas verurteilte und die sofortige Freilassung aller Geiseln verlangte, wurde nicht angenommen. Daf├╝r kam eine Resolution von Jordanien durch, in welcher ein sofortiger Waffenstillstand gefordert wird. Mit keinem Wort aber wird der Terroranschlag der Hamas genannt und auf das Leid der israelischen Opfer hingewiesen. Platz f├╝r ein israelisches Widerstandsrecht, den Terror zu bek├Ąmpfen, gibt es nicht. Stattdessen wird lediglich die schwierige humanit├Ąre Lage in Gaza hervorgehoben, was eine Einseitigkeit ergibt. Erschreckend ist zudem, dass nur wenige europ├Ąische Staaten den Mut hatten, diese wichtige Fakten ausblendende Resolution abzulehnen. Die Schweiz geh├Ârt nicht dazu. Sie stimmte mit anderen, u.a. Frankreich, mit Ja ab. Nicht einmal Deutschland mit seiner besonderen Verantwortung kam ├╝ber eine Enthaltung hinaus.

Diese Situation muss die protestantische Welt betr├╝ben. Israel ist mit der Geschichte und dem Schicksal der Juden unweigerlich verkn├╝pft. Die Juden sind das Volk des Alten Bundes in der Bibel und damit unsere Glaubensvorfahren. An sie ergingen die vielen Verheissungen, von denen wir glauben, dass sie sich in Jesus Christus erf├╝llten. Auch ist uns die leidvolle Geschichte des j├╝dischen Volkes gen├╝gend bekannt. In aller Welt zerstreut, haben sie immer wieder Anfeindung und Verfolgung erleiden m├╝ssen. Auch das christliche Europa war nicht frei von Pogromen gegen die Juden.

Es ist eine Tragik der Geschichte des Protestantismus, dass sich der Antisemitismus gerade im Land der Wiege der Reformation derart entfesseln konnte, dass eine ganze Nation in den Abgrund gest├╝rzt wurde. Die Schuld, welche die Nationalsozialisten durch ihren blinden Hass gegen Juden und alles Menschliche auf ihr Land legten, lastet noch heute schwer auf unseren Nachbarn und wird durch keine menschliche Intervention jemals wieder gutzumachen sein. Es war aber nicht bloss ein deutsches Problem, sondern auch ein europ├Ąisches. Proteste und Widerspr├╝che gegen die Judenpolitik der Nazis waren in ganz Europa w├Ąhrend ihrer Herrschaft sp├Ąrlich und zur├╝ckhaltend. Nur wenige haben das Diabolische in Hitler fr├╝h erkannt, geschweige denn wahrhaben wollen. Dieses Verdikt muss leider auch ├╝ber die protestantische Kirche in Deutschland ausgesprochen werden. Grosse Teile der Kirche unterst├╝tzten Hitler und drangsalierten selbst Juden, indem sie Judenchristen aus ihren Gemeinden ausstiessen. Nur eine kleine Gruppe innerhalb der Kirche, die sogenannte bekennende Kirche, in welcher auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer involviert war, widersetzten sich schon fr├╝h der nationalsozialistischen Ideologie und sprachen sich f├╝r den Schutz der Juden aus. Einige von ihnen werden heute als M├Ąrtyrer und Glaubenshelden hochgehalten. Zu Recht. Die vielen beschwichtigenden und verharmlosenden Stimmen jedoch erf├╝llen uns noch heute zu Recht mit Scham.

Das alles sollte uns als Reformierte Kirche schwer zu denken geben und eine wichtige Lehre sein, die Zeichen der Zeit fr├╝hzeitig zu erkennen und das B├Âse klar zu benennen. Hat sich der Antisemitismus erst einmal entfesselt, werden nicht nur Juden Opfer sein, er wird uns alle in den Abgrund reissen. Die Gr├Ąueltaten, welche jetzt und in vergangenen Zeiten an Juden ver├╝bt wurden, sind immer auch Mahnmale einer Entmenschlichung des Menschen.

Wir Protestanten sollten deshalb auch jene Narrative hinterfragen, die Tatsachen verdrehen oder verschweigen und damit den Antisemitismus sch├╝ren. Auch bei uns geistert die Vorstellung herum, die Juden h├Ątten den Pal├Ąstinensern ihr Land geraubt und darauf ihren Staat gegr├╝ndet. Das passt zwar wunderbar zur allgemeinen Kolonialismuskritik des Westens, ist aber eine verzerrte und verunglimpfende Darstellung. Tats├Ąchlich wohnten im heutigen Israel schon seit Jahrhunderten Juden, Araber und Christen nebeneinander. Zudem waren im 19. Jahrhundert grosse Gebiete mehrheitlich unbewohnt und landwirtschaftlich kaum genutzt, als die ersten Zionisten einwanderten und es urbar machten. Die Zionisten kauften ihr Land von arabischen Grossgrundbesitzern ab, welches heute einen Teil von Israel ausmacht. Als es dann 1948 zur Staatsgr├╝ndung kam, wurde Israel von den umliegenden arabischen Staaten umgehend angegriffen. Ihr Ziel: die Juden ins Meer zur├╝ckzutreiben. Die Araber verloren diesen Krieg und damit auch Staatsgebiet, das Israel eroberte. Zwischen den Fronten stehen die sogenannten Pal├Ąstinenser, die wohl das gr├Âsste Leid in diesem Konflikt tragen. Es gibt auch berechtigte Zweifel daran, ob die arabischen L├Ąnder deren Situation ├╝berhaupt verbessern wollen. Vielmehr scheinen sie aus dem Leid der Pal├Ąstinenser auf zynische Art und Weise politisches Kapital schlagen zu wollen, um damit ihre Anti-Israel-Politik, wenn nicht zu sagen ihren Judenhass, zu legitimieren. Wahre Bruderliebe w├╝rde anders aussehen.

Gegen all das m├╝ssen wir Protestanten protestieren, wenn wir unserem Namen gerecht werden wollen und der Ansicht sind, etwas aus unserer Geschichte mit den Juden gelernt zu haben. Nicht nur m├╝ssen wir uns mit den notleidenden Pal├Ąstinensern solidarisieren, welche bis heute am meisten unter der Hamas und der Politik der arabischen L├Ąnder leiden, sondern auch das Existenzrecht Israels und dessen legitimes Recht, den Terrorismus zu bek├Ąmpfen, behaupten. Die Spannung zwischen diesen beiden Interessen ist nicht einfach zu l├Âsen. Einmal mehr gilt die herausfordernde Aussage Jesu: ┬źLiebt eure Feinde und bittet f├╝r die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er l├Ąsst seine Sonne aufgehen ├╝ber B├Âse und Gute und l├Ąsst regnen ├╝ber Gerechte und Ungerechte.ÔÇť

 

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