News von der Glarner reformierten Landeskirche

Die Gegenwart Gottes schmecken

von Dagmar Doll
min
26.02.2026
Der Geschmack und das gemeinsame Mahle spielen in der biblischen Tradition eine grosse Rolle, doch im rational gesprochenen und erklärenden Wort geht dies oft unter. Dabei kann unser Glaube in ihm eine tiefe Dimension erfahren.

„Esst, meine Freunde und trinkt und werdet trunken von der Liebe“, so heisst es im Hohelied Salomo, dem wohl sinnlichsten Buch in der Bibel. Nun werden dort alle Sinne angesprochen, insbesondere das grösste aller Gefühle, das der Liebe. Der Autor des Buches setzt die Sinne aber in Verbindung miteinander. „Esst, meine Freunde und trinkt“ heisst hier, schwelgen in allerlei Köstlichkeiten. „Werdet trunken von Liebe“ bedeutet, nehmt euer Gefühl, auch euer erotisches Gefühl mit all euren Sinnen auf. 

Lilienduft und feine Gewürze

Essen dient hier nicht der Nahrungsaufnahme, riechen dient nicht Orientierung oder der Vergewisserung, dass keine Gefahr herrscht, sondern der Betörung; beim Hören geht es nicht darum, ob ich etwas akustisch verstehe, sondern um ein ganzheitliches Aufnehmen wunderbarer Poesie. Und der Tastsinn wird nahezu herausgefordert, weil die Liebenden in dem Buch es kaum erwarten können, einander zu spüren. Einen besonderen der fünf Sinne also herauszuschälen fällt schwer.

Vor einigen Jahren habe ich einmal für eine Gemeindeveranstaltung einen Tisch gedeckt ganz im Sinne dieses besonderen Buches aus dem alten Testament. Hier dufteten Lilien („Du bist wie eine Lilie unter den Dornen“), dort verlockten ein Traubenkuchen, pralle Äpfel und Granatäpfel („Er erquickt mich mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln“). Auch allerlei Gewürze waren zu erkunden („Du bist gewachsen wie... Narde und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Weihrauchsträuchern, Myrre und Aloe, mit allen feinen Gewürzen“).

Der Duft der Lilien lag schwer im Raum, der Kuchen schmeckte köstlich, verfeinert mit allerlei Gewürzen. Die Früchte waren teilweise exotisch, saftig und frisch – und die Worte aus dem Hohelied Salomos taten ihr Übriges, um aus einem kargen Gemeindesaal einen Raum voller Sinnlichkeit zu zaubern.

Das Hohelied Salomo ist eines der Teile der Bibel, bei der es um unsere Sinne geht. Ein besonderes Augenmerk legen Altes wie Neues Testament auf Gastlichkeit, auf Geschmack, auf Essen, das mehr ist als Nahrungsaufnahme.

Schon in der Paradiesgeschichte hören wir vom fruchtbaren Garten Eden, von dem der Mensch sich bedienen kann. Das erste Aufbegehren der Menschen ist eine Essensgeschichte. Adam und Eva kosten die verbotene Frucht.

Immer wieder begegnen uns die Väter und Mütter unseres Glaubens beim Essen. So bewirtet Sara die drei Männer, die ihr Nachkommenschaft verheissen, mit einem feierlichen Mahl. Ein Linsengericht ist es, mit dem Jakob seinen Bruder Esau um das Erbe seiner Familie betrügt. Später opfert er ein Tier an der Stelle, an der er eine Gottesbegegnung hatte. Ein Land, in dem Milch und Honig fliesst, wird später dem Volk Israel verheissen, dass sich in der Sklaverei in Ägypten befindet.

Das Passah-Mahl

Hier hat auch das wohl bedeutendste sinnliche Mahl der Bibel seinen Ursprung. Am Abend vor dem Auszug des Volkes aus Ägypten schlachten die Menschen ein Lamm und essen dazu Brot, das keine Zeit hat, aufzugehen. Diese Episode hat sich tief eingebrannt in das jüdische Erbe, bis heute zieht das Volk Israel aus diesem Mahl ihre Identität.

Jedes Jahr im Frühling feiern jüdische Menschen in Erinnerung an die alte Geschichte ein Passahmahl und oft werden auch Texte aus dem Hohelied Salomo gesungen. So erinnert sich Athalya Brenner, eine Jüdin mit litauischen Wurzeln: „In einer Pessach-Nacht, als ich schon im Teenageralter war, ging mir auf, dass die biblischen Worte, die mein Vater im litauischen Stil nach dem liturgischen Mahl anstimmte, mir mehr als vertraut waren. Ich kannte die Gedichte des Hoheliedes auswendig, weil ich sie gesungen hatte, solange ich denken konnte. Ihre Worte gehörten zu mir, bevor ich wusste, dass sie in der Bibel stehen.“

Das Passah-Mahl ist ein ausgesprochen feierliches und sinnliches Mahl. Auf einem Sederteller werden verschiedene Gerichte angerichtet, die alle eine Bedeutung haben.

Bitterkraut steht z.B. für die Bitternis in Ägypten, Salzwasser für die Tränen, die das Volk vergossen hat. Ein Ei bedeutet Neuanfang und ein rötliches Fruchtmus soll die Farbe der Ziegel zeigen, die auf den Baustellen Ägyptens verwandt wurden. Am Passahfest wird Lammfleisch gegessen, dazu ungesäuerte Brote, die sogenannten Mazzen, jeder Kelch Wein hat eine Bedeutung.

Auch Jesus feierte das Passah-Mahl, so können wir es in den Evangelien lesen. Am Gründonnerstag traf er sich mit seinen engsten Vertrauten. Hier brach er das Brot und verteilte es, ebenso liess er den Kelch mit Wein herumgehen. Das letzte Mal ass er so mit seinen Jüngerinnen und Jüngern und er sagte ihnen, sie sollten diese Tradition beibehalten und in seinem Gedächtnis weiterfeiern. Kurz danach starb Jesus am Kreuz, aber bereits drei Tage später erkannten ihn zwei Jünger im Dorf Emmaus daran, dass er das Brot brach und unter ihnen verteilte. Seine vielen Worte zuvor hatten Jesus nicht identifiziert, dazu waren die beiden Jünger zu rational, erst der Genuss und der Geschmack öffnete ihnen die Augen.

Gründonnerstag in der Stadtkirche

Es braucht offensichtlich mehr als einen klaren Verstand, um zu verstehen, wie Gott es meint. In vielen Kirchgemeinden wird der Gründonnerstag mit einem Mahl gefeiert. In der Stadtkirche in Glarus etwa sind es Speisen, die angelehnt sind an biblische Speisen. Oft sind es Pasten und Dips, Oliven und Fladenbrot oder auch Joghurts mit Honig, Datteln und Feigen. Neben der Liturgie mit Musik, Gesang und Texten spielt das Essen eine bedeutsame Rolle und wird integriert in die Geschichte vom letzten Abendmahl und der anschliessenden Szene im Garten Gethsemane. Gesättigt an Leib und Seele gehen die Besuchenden in die Nacht hinaus, vielleicht noch mit dem Lied „Bleibet hier und wachtet mit mir“ auf den Lippen und sind dann gerüstet für den Karfreitag, diesem dunklen Tag, an dem Jesus am Kreuz stirbt.

Der Geschmack spielt in der biblischen Tradition eine grosse Rolle und geht leider sehr häufig im allzu rational gesprochenen und erklärenden Wort unter. Darin liegt sicher eine Schwäche der reformierten Tradition und wir täten gut daran, uns umzuschauen zu den Geschwistern anderer Konfessionen oder auch Religionen. Hier ist es nicht nur das Wort sondern auch der Mund, der geniesst und damit Gott die Ehre gibt.

Text und Bilder: Dagmar Doll

Der Geschmackssinn – ein Wunderwerk

red. Der Geschmackssinn entwickelt sich ab dem 2. Monat im Mutterleib, im 5.- 7. Monat sind die Geschmacksknospen voll entwickelt; später nehmen sie wieder ab.

Die Zunge funktioniert wie eine Geschmackslupe: Durch kleine „Gräben“ (Papillen) wird ihre Oberfläche stark vergrössert. In  jeder Papille befinden sich 3-5 Geschmacks-Knospen. Sie reagieren auf die basalen Qualitäten süss, salzig, bitter, sauer und leiten Nervenimpulse ans Gehirn. Umami (würzig wie etwa Brataroma) gilt als fünfte basale Geschmacksqualität, ist aber komplexer zusammengesetzt. Auch unzählige flüchtige (Riech-)Aromen, die sich im Nasenrachenraum entfalten, tragen zur Geschmackswahrnehmung bei.

Vorlieben werden schon im Mutterleib geprägt – vor allem durch das süsse Fruchtwasser. Kleine Kinder lehnen Ungewohntes oft ab, ihr Körper signalisiert eine „Gefahr“. Frühes vielfältiges und wiederholtes Angebot (bis zu achtmal probieren lassen) fördert die Ausbildung des Geschmackssinns. Dabei sind positive Umgebungserfahrungen mitprägend.

Geschmackstraining: Den natürlichen Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns im Alter oder nach Krankheit (Covid) kann man mit Training teils aufhalten oder zurückgewinnen. Professionelle „Schmecker“ werden an Hochschulen und in Berufslehren gezielt ausgebildet und sogar geprüft. Unter den Menschen gibt es auch hochbegabte „Supertaster“.  

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