News von der Glarner reformierten Landeskirche
Lesung: Rassismus im Rückspiegel

Die Vision einer Gesellschaft ohne Rassismus

von Franz Lustenberger/tz
min
16.01.2026
Angélique Beldner, SRF-Moderatorin und Autorin, las in der Citykirche Zug aus ihrem Buch «Rassismus im Rückspiegel». Dabei sprach sie über subtile Formen von Diskriminierung im Schweizer Alltag und warum Schweigen keine Lösung ist.

Wir sagen es nicht nur, «dass alle Menschen gleichwertig sind, sondern wir werden es auch leben.» Diese Hoffnung äusserte Angélique Beldner, Journalistin, Moderatorin und Buchautorin, anlässlich ihrer Lesung am 14. Januar in der Citykirche Zug. Rassismus sei in unserer Gesellschaft präsent, auch wenn ihn viele nicht wahrhaben wollen.

Angélique Beldner ist vielen Schweizern bekannt: Jahrelang moderierte sie beim Fernsehen SRF die Mittags- und Abendausgabe der Tagesschau. Seit fünf Jahren stellt sie am Montagabend in der Quizsendung «1 gegen 100» den Kandidaten die Fragen. Doch neben der Starmoderatorin gibt es eine andere Beldner. Jene, die sich in Büchern und einem Dokumentarfilm mit dem eigenen Schwarzsein und dem erlebten Rassismus auseinandersetzt. So auch an der Lesung in der Citykirche Zug.

 

Rassismus im Rückspiegel, Angélique Beldner, 192 Seiten, erschienen 2025 im Limmatverlag

 

Beldner, 1976 als Kind einer weissen Mutter und eines Schwarzen Vaters geboren, blickt in ihrem Buch «Rassismus im Rückspiegel» auf ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus zurück. Das Erlebte verbindet sie mit der gesellschaftlichen Entwicklung der Schweiz. Etwa diese Szene aus den 80er Jahren: Angélique Beldner begleitete ihren Grossvater sonntags in die Kirche. Ein Mädchen in ihrem Alter starrte sie immer wieder an und vermisste sie offenbar, da Angélique nicht jeden Sonntag den Gottesdienst besuchte. Denn an einem Sonntag kam die Frage: «Ich habe letzten Sonntag auf dich gewartet. Ich habe mich schon gefragt, ob du vielleicht wieder gegangen bist» «Wohin gegangen?» «Nach Hause», sagte sie, und dann weiter: «Willst du meine Freundin sein?» Angélique schluckte leer und fragte zurück: «Wir kennen uns doch gar nicht, weshalb willst du meine Freundin sein?» Ihre Antwort: «Weil meine Mutter gesagt hat, dass man jeden Tag etwas Gutes tun soll.»

Das Mädchen sagte darauf, sie habe es ja nur gut gemeint. Kein offensichtlicher oder aggressiver Rassismus, sondern einfach der Ausdruck von Stereotypen aus der Kolonialzeit, die tief verwurzelt sind und subtil eine Überheblichkeit zum Ausdruck bringt. Ins gleiche Schema passt auch die schwarze N-Kindfigur auf dem Kässeli, die brav nickte, wenn jemand ein Geldstück für die Missionierung der armen Menschen in Afrika spendete und in den Schlitz schob.

«Das Boot wird voller» – Fremdenfeindlichkeit im Alltag

Die Autorin reflektiert in ihrem Buch auch zunehmende Fremdenfeindlichkeit, im Kapitel unter dem Titel «Das Boot wird voller». Sie zitiert aus Kommentaren in Leserbriefen und Online-Foren:

Unser Land ist nicht mehr ein Land der Schweizer, sondern ein Völkergemisch aller Rassen … Ich bin keine Fremdenhasserin, aber es hat eben alles seine Grenzen.

Ausgrenzung ist nicht laut, sondern ein schleichender Prozess, der auf Vorurteilen basiert und dessen Überwindung viel mit unserem unbewussten Handeln zu tun hat. Ein Beispiel aus dem Alltag – wo setzen wir uns im Bus oder im Zug hin: Setzen wir uns neben eine Person of Color, oder suchen wir ein anderes Abteil oder bleiben wir lieber draussen im Gang stehen?

Der Wandel: «Sista, you're one of us»

Beispiele für Alltags-Rassismus finden sich im Buch viele – aus der Kindheit oder auch aus jüngerer Vergangenheit. Diese hat Beldner damals nicht als rassistisch wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. Sie wollte in der Schweiz dazugehören.

Ich wollte nicht zu denen gezählt werden, die als ‹die Anderen› wahrgenommen werden.

Entsprechend reagierte sie anfangs der 90er Jahre, als sie auf der Strasse als «Sista» angesprochen wurde. «Sista, you're Black. You're one of us.» Beldners Antwort: «I'm not.» Heute wird ihr warm ums Herz, wenn sie von einer Schwarzen Person als Schwester angesprochen wird.

Schweigen lässt Rassismus gedeihen

Beldner plädierte an der Veranstaltung in der Citykirche Zug und auch im Buch für eine Haltung des Hinschauens, des Hinhörens und des Reagierens. Sie, die selber kaum offenen Rassismus erlebte – «dafür bin ich wohl zu prominent» –, aber sich immer stärker des versteckten Rassismus bewusst wurde. Früher hatte sie geglaubt und danach gelebt, «dass es das Beste sei, darüber zu schweigen». Beldners Botschaft ist eine andere: «Rassismus gedeiht da, wo er geleugnet wird», zitiert sie Doudou Diène, ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Oder Martin Luther King:

Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.

Der Kampf gegen Rassismus ist eine Daueraufgabe für uns alle.

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