News von der Glarner reformierten Landeskirche

Ein Bündel Lebendigkeit

von Katja Missal
min
29.01.2026
Vergessen wir nicht oft, angesichts intellektueller Höhenflüge und schier überbordendem technischen Erfindungsgeist, was es bedeutet, ein verletzliches Leben in den Händen zu halten?

Von Katja Missal, Netstal

«Ich gehe jetzt zum Einkaufen – hältst du mal gerade!»  Eh ich mich versah, war ich allein in der Wohnung. Die jungen Leute hier studierten wie ich. Aber sie hatten dazu sehr kleine Kinder und waren gestresst. Und da lag es in meinen Armen, das Kleinste. Wäre ich gefragt worden: «Kannst du mal halten?», ist eher fraglich, ob ich «ja» gesagt hätte, ob ich es mir überhaupt zugetraut hätte. Jetzt hielt ich ein Bündel Lebendigkeit zwischen meinen Fingern, es lag auf meinem Schoss. Das Kind atmete sanft, es schlief ganz ruhig. Ich rührte mich nicht, blieb möglichst unbeweglich. Musste einmal nicht in alle Ecken kriechen, um zu zeigen, dass ich auch dort den Staub sehe, kein Essen zubereiten, nicht Gesellschafterin sein beim Durchklicken durch Fernsehprogramme. Ich durfte sitzen und spüren, und es war einfach nur ein Kind. In dieser knappen Stunde liefen mir die Tränen, und ich liess sie laufen, es schaute ja niemand hin.

Ich habe das Baby vorher freundlich beachtet, wie man es so macht und sofort begonnen, alle Aufträge gut zu erledigen. Mit dieser Aufgabe aber hatte ich nicht gerechnet. Das Kind, das ich berühren durfte, hat meine Seele berührt, und ich habe eine Weile begriffen, wie unfasslich zart und zerbrechlich das Leben ist. 

Mit den Händen finden

Meine erblindende Mutter, lange, bevor sie die Blindenschrift erlernte,  fand alles, was ihre Familie suchte. Die Sehenden gaben schnell auf. Die Erblindende fühlte für uns und spürte die Gegenstände an den richtigen Stellen auf, wo sie nicht auf den ersten Blick wiederzufinden waren. Wie sehr mir meine Mutter gerade in ihrer Blindheit geholfen hat, wurde mir bewusst, als sie nicht mehr da war. Sie hatte immer ihren Stock beiseite genommen, wenn wir zusammen unterwegs waren. Wir hakten uns ein, und dann liefen wir schneller. Nach aussen gesehen war ich die Tochter, die ihrer Mutter hilft. In Wirklichkeit war es die Nähe zweier einander vertrauter Personen, die sich fühlen liess.  So half meine Mutter mir. Und sagt man «Einhaken» im kommunikativen, also geistigen Zusammenhang, dann meint man: Nachfragen, sich Rückversichern, Dingen auf den Grund gehen… Sehr viele Begriffe, die wir für geistig- intellektuelle Vorgänge verwenden,  entnehmen wir dem Bereich des Tastsinnes, der so einfach und unmittelbar erscheint. Angesichts genialer intellektueller Höhenflüge und schier überbordenden technischen Erfindungsgeistes ermöglicht dies, das Gespür dafür zu erhalten, was Leben ist:  eng untereinander verwoben, hoch empfindsam und sehr verletzlich sein.

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