News von der Glarner reformierten Landeskirche
Susanne Wille Im Interview

Eine Frage der Demokratie

von Tilmann Zuber
min
28.01.2026
Die Halbierungsinitiative zeigt, wie ähnlich die Herausforderungen der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG und der Kirchen sind. SRG-Generaldirektorin Susanne Wille über die Gemeinsamkeiten.

Susanne Wille, Kirche und SRG stehen vor ähnlichen Herausforderungen: weniger Mitglieder oder Zuschauer, weniger Geld. Beide haben dennoch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

Sie haben recht, auch wir sind gefordert. Aber es stimmt eben auch: unsere Formate gehören weiterhin zu den meistbeachteten Medien der Schweiz. Mitte Januar erschienen die neuesten Nutzerzahlen von SRF. Mit einem Marktanteil von 33,4 Prozent erreichten die TV-Formate den zweithöchsten Wert seit 2013.

Das zeigt, wie gross das Vertrauen in unsere Angebote bleibt. Gleichzeitig verändert sich die Mediennutzung der Schweizerinnen und Schweizer rasant. Um relevant zu bleiben, müssen wir uns verändern. Hier sehe ich Parallelen zu den Kirchen: Wie können wir unserem bestehenden Publikum Sorge tragen und gleichzeitig Neues erreichen? Wie bewahren wir das Vertraute, ohne uns Neuem zu verschliessen? Zentral ist, dass wir unseren Kern nicht aus den Augen verlieren: Wir wollen ein Medienhaus für alle Menschen in der Schweiz sein, ein Ort des Dialogs und des Austauschs.

Unser Auftrag ist es, zur gegenseitigen Verständigung beizutragen und unter-schiedliche Lebenswelten abzubilden. Diesen Auftrag nehmen wir ernst.

 

Die Kirche spricht von ethischer Verantwortung und Gemeinschaft. Auch die SRG hat mit ihrem Service public eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Kann sie diese Aufgabe mit weniger Geld erfüllen?

Unser Auftrag ist es, zur gegenseitigen Verständigung beizutragen und unterschiedliche Lebenswelten abzubilden. Diesen Auftrag nehmen wir ernst. Unsere Programme schaffen Räume, in denen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zusammenkommen. Wir sind nah bei den Menschen aus allen Regionen und Milieus der Schweiz. Im besten Fall schaffen es unsere Sendungen, das Verständnis zwischen diesen oft weit auseinanderliegenden Lebenswelten zu stärken. Auch hier sehe ich Parallelen zu den Kirchen, die eine grosse gesellschaftliche Klammer bilden. Doch dieser Auftrag ist kein Selbstläufer. Ein Ja zur Halbierungsinitiative würde diesen Auftrag schlicht unmöglich machen. Es ist klar, dass dann dieses Verbindende und Gemeinschaftliche gefährdet wäre. Ich liebe dieses Land und sehe, wie wichtig ein starkes öffentliches Medienhaus ist, das in allen vier Landessprachen Inhalte produziert.

 

Zur Vorlage

Die Halbierungsinitiative «200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)» fordert eine Senkung der Radio- und Fernsehgebühren für Haushalte von heute 335 Franken auf 200 Franken pro Jahr und will Unternehmen ganz von der Abgabe befreien.

Die Befürworter argumentieren, die aktuelle Gebühr belaste Familien und Junge unfair und solle reduziert werden, weil viele junge Menschen kaum klassische TV-Programme nutzen.

Der Rat der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz EKS empfiehlt die Vorlage zur Ablehnung. -> zur Mitteilung

 

Pro&Contra

Der «Kirchenbote» hat je eine Person mit kirchlichem Bezug um eine Stellungnahme für oder gegen die «SRG-Initiative» gebeten. 

 

Falls die SRG nur noch halb so viele Gebühren erhält: Werden dann auch kirchliche Sendungen wie «Sternstunde Religion» oder «Das Wort zum Sonntag» gekürzt?

Offen gesagt: Wenn das Budget halbiert wird, geht es um weit mehr als einzelne Sendungen. Die sprachliche und regionale Vielfalt, der Zusammenhalt durch geteilte Erlebnisse und auch die Unabhängigkeit, die es erlaubt, in der Schweiz Schweizer Geschichten zu erzählen, das alles wäre in Frage gestellt. Eine Annahme der Initiative hätte drastische Folgen in fast allen Bereichen. Wir könnten nicht mehr alle Regionalstudios betreiben und wären nicht mehr so nah bei den Menschen wie heute. Das wäre ein Verlust für die betroffenen Regionen und für uns alle: weniger Sport, Kultur, Religion, Philosophie, weniger Eigenproduktionen und Geschichten aus der Schweiz. Da darf es keine Tabus geben.

Die SRG entstand im Zweiten Weltkrieg als Schutz gegen Propaganda aus Nazideutschland. Auch die Kirchen waren Teil der geistigen Landesverteidigung. Heute bedrohen Fake News die Demokratie. Welche Rolle hat die SRG heute?

Fake News und autoritäre Staaten sind keine neuen Phänomene. Schon 1931, bei der Gründung der SRG, war der Schutz vor Propaganda und Desinformation ein zentrales Motiv. Man wollte in politisch turbulenten Zeiten einen Schweizer Blick auf die Geschehnisse in Europa und der Schweiz, man wollte dies nicht extremen politischen Kräften im In- und Ausland überlassen. Diese Funktion wird heute, in Zeiten der Machtpolitik, wieder wichtiger.

Verteidigungsminister Martin Pfister sagte kürzlich an einer öffentlichen Veranstaltung: «Wer die Medien und die Information schwächt, schwächt die Sicherheit des Landes.» Es ist wertvoll, eine verlässliche, vertrauensvolle Adresse für Information zu haben, und zwar im physischen wie im digitalen Raum. Und vor allem eine Adresse, die uns allen gehört. Die SRG bietet mediale Räume, in denen Ansichten ausgetauscht werden, wo diskutiert und auch gestritten wird, wo man auch zuhört und verstanden wird. Dieser Beitrag zur Meinungsbildung ist zentral für die Schweizer Demokratie.

Interessanterweise höre ich von rechts, die SRG sei links, während linke Politiker bemängeln, die SRG würde zu stark aus rechter Perspektive berichten.

Der SRG wird oft vorgeworfen, sie sei politisch links. Ähnliche Kritik trifft auch die Kirchen.

Interessanterweise höre ich von rechts, die SRG sei links, während linke Politiker bemängeln, die SRG würde zu stark aus rechter Perspektive berichten. Die Mitte-parteien kritisieren, dass die politischen Pole zu viel Gewicht erhalten. Es scheint, die eigene politische Haltung beeinflusst, wie man Medieninhalte wahrnimmt. Gegen den Links-Vorwurf verwahre ich mich. Unsere Journalistinnen und Journalisten arbeiten sorgfältig und verantwortungsvoll. Studien wie das «Jahrbuch Qualität der Medien» der Universität Zürich bestätigen, dass unsere Berichterstattung über Volksabstimmungen und Wahlen ausgewogen und unabhängig war.

Viele sagen, die SRG habe den Kontakt zu jungen Menschen verloren – ähnlich wie die Kirchen.

Es stimmt, die Jungen schauen nicht mehr um halb acht die «Tagesschau» im Schweizer Fernsehen. Doch das heisst nicht, dass wir sie verloren haben. 73 Prozent der politisch interessierten 15- bis 34-Jährigen konsumieren regelmässig SRG-Inhalte. Natürlich müssen wir diese Gruppe dort abholen, wo sie ist: im digitalen Raum. Gerade dort leisten unsere Angebote in Zeiten von Fake News einen wichtigen Beitrag als vertrauenswürdige Informationsquelle. Für die Demokratie ist es entscheidend, die nächste Generation hier besonders zu berücksichtigen.

Und für diesen Online-Auftritt brauchen die SRG Gelder?

Was in der Debatte oft vergessen geht: Eine Annahme der Halbierungsinitiative hätte gravierende Folgen. Sie würde gebührenfinanzierte Online-Inhalte faktisch verbieten, wie auch der Bundesrat festhält.

Zum Schluss: Welche SRG-Sendung verfolgen Sie am liebsten?

Das ist, als würde man fragen, welches Kind man am liebsten hat. Ich nutze das Angebot querbeet. Beim Joggen höre ich oft Radiosendungen von RTS und RSI, um meine Französisch- und Italienischkenntnisse zu verbessern. Aufgrund meiner vollen Agenda kann ich leider praktisch kein lineares Fernsehen geniessen. Umso wichtiger sind für mich unsere digitalen Angebote. Neulich habe ich die Doku «Inside Gstaad Palace» verschlungen. Sie zeigt nicht nur ein Luxushotel, sondern erzählt von Menschen, ihren Arbeitswelten, ihrem Alltag und führt einen in Lebensrealitäten, die nicht die eigenen sind. Solche Formate schätze ich besonders – und das Publikum offenbar auch: Die Serie wurde über 1,5 Millionen Mal gestreamt.

Welche SRG-Sendung würden Sie besonders empfehlen?

Das Programm ist so vielfältig wie Ihre Leserschaft. Da findet jeder etwas Passendes – eine Empfehlung von mir braucht es nicht.

 

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