News von der Glarner reformierten Landeskirche
Interreligiöser Dialog

«Einer muss den ersten Schritt machen»

von Nicole Noelle
min
27.03.2024
Der muslimisch-jüdische Dialog scheint seit dem Terrorangriff der Hamas schwierig. In Basel fand nun eine Premiere statt: Jüdische und muslimische Gläubige haben erstmals ihren Fastentag gemeinsam mit einem koscheren Essen beendet.

Am 21. M├Ąrz, dem internationalen Tag gegen Rassismus, lud der Verein Christlich-J├╝dische Projekte in Basel zum gemeinsamen Fastenbrechen von Juden, Muslimen und Christen ein. In Bern hatten Juden und Muslime in dieser Woche bereits im Haus der Religionen das muslimische Fastenbrechen nach Sonnenuntergang im Ramadan gefeiert. Doch in Basel findet eine Premiere statt: Muslime und Juden fasten an diesem Tag im Gedenken an die K├Ânigin Esther gemeinsam.

┬źAus dieser Gemeinsamkeit des Fastens und des Verzichts heraus haben wir diesen Abend geplant. Uns verbindet, dass wir in einer Zeit, in welcher der Dialog so schwierig ist, die Begegnung ├╝ber den eigenen Kreis hinaus suchen┬╗, sagt Peter Bollag vom Verein Christlich-J├╝discher Projekte zur Begr├╝ssung.

Vertreterinnen und Vertreter aller drei Religionsgemeinschaften hatten den Weg ins Vereinshaus ┬źNeuer Cercle┬╗ gefunden: unter ihnen Rabbiner Moshe Baumel von der Israelitischen Gemeinde Basel, Ibrahim Yesilyayla und Nusret Temizel vom muslimischen Kulturverein Ideal sowie Regula Tanner und Andreas M├Âri vom Forum f├╝r Zeitfragen in Basel.

Ein erstes Treffen mit Familie

Das Fastenbrechen war nicht die erste Begegnung von j├╝dischen und muslimischen Gl├Ąubigen seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023. Bereits wenige Tage danach fand ein erster kurzer Austausch statt. Andreas M├Âri, Islambeauftragter der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, war einer der Initiatoren. Dort sei die Idee einer Begegnung zwischen Juden und Muslimen im famili├Ąren Rahmen entstanden.

Die Juden waren doch schon längst da, nur sahen sie aus wie alle anderen.

Ende Januar hatte dann die Israelitische Gemeinde Basel den muslimischen Kulturverein Ideal eingeladen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren empfing die j├╝dische Gemeinde in Basel Muslime in ihren R├Ąumen ÔÇô und zum ersten Mal nahmen Muslime die Einladung an. Nusret Temizel vom Kulturverein gibt zu, dass es ihn und andere ├ťberwindung gekostet habe, er ist aber froh, den Schritt gewagt zu haben. ┬źEiner muss den ersten Schritt machen┬╗, meint er schlicht.

Das erste Treffen fand weitgehend unbemerkt von der ├ľffentlichkeit statt. Nusret Temizel erz├Ąhlt, dass seine beiden Kinder w├Ąhrend des Treffens fragten, wann denn endlich die Juden k├Ąmen. ┬źSie waren doch schon l├Ąngst da, nur sahen sie aus wie alle anderen┬╗, sagt er schmunzelnd.

Der jüdisch-muslimische Dialog ist sehr wichtig. Ich habe in den letzten Jahren immer gesagt, wenn es christlich-jüdische Treffen gab, bringt doch auch die Muslime hinein.

Strenge Speisevorschriften

Ber├╝hrungs├Ąngste gibt es nicht am Abend des gemeinsamen Fastenbrechens im ┬źNeuer Cercle┬╗. Die dreissig Teilnehmenden verteilen sich bunt gemischt an den f├╝nf Tischen. Das Essen, das die Gastgeberin Smadar Heid zubereitet hat, ist koscher. F├╝r die Musliminnen und Muslime ist das kein Problem. Alles, was koscher zubereitet wird, gilt auch als helal und entspricht den muslimischen Regeln. Umgekehrt ist das nicht so einfach. Die j├╝dischen Speisevorschriften sind strenger als die muslimischen, als die christlichen sowieso.

 

Moshe Baumel, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Basel, erzählt die Geschichte der Königin Esther von Persien. Ta'anit Esther ist einer von fünf Fastentagen im jüdischen Kalender. | Foto: Nicole Noelle

Moshe Baumel, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Basel, erzählt die Geschichte der Königin Esther von Persien. Ta'anit Esther ist einer von fünf Fastentagen im jüdischen Kalender. | Foto: Nicole Noelle

 

Claude Salmony best├Ątigt das. Er ist an diesem Abend als Gast aus der j├╝dischen Gemeinde anwesend: ┬źWir haben viele nichtj├╝dische Freunde, aber wir k├Ânnen sie nur zu uns zum Essen einladen, umgekehrt geht das leider nicht. Das ist manchmal etwas unh├Âflich, aber es geht nicht anders, wenn wir die Regeln einhalten wollen.┬╗ Er erz├Ąhlt, dass es in einem j├╝dischen Haushalt zum Beispiel doppeltes Geschirr gibt, damit Fleisch und Milch nie den gleichen Teller ber├╝hren.

Monat des Korans

Die Speisevorschriften der Muslime sind nicht ganz so streng. Aber w├Ąhrend der 30-t├Ągigen Fastenzeit des Ramadans werden sie eingehalten. Nusret Temizel erkl├Ąrt den Anwesenden, dass die 30 Tage Fastenzeit f├╝r die 30 Teile des Korans stehen. So lange d├╝rfen Musliminnen und Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Es gibt nur wenige Ausnahmen.

In den muslimischen Gemeinden werden die Fastentage streng gehandhabt und selbst manch s├Ąkularer Muslim verzichte im Ramadan auf das Rauchen ÔÇô zumindest bis Sonnenuntergang, erz├Ąhlt Nusret Temizel.

Wenn ein Mensch traurig ist, mag er nicht essen.

J├╝dinnen und Juden kennen zwar keine l├Ąngere Fastenzeit am St├╝ck, aber die f├╝nf Fasttage des j├╝dischen Kalenders werden ebenfalls streng befolgt. Der wichtigste Fasttag ist Jom Kippur, wie Rabbiner Moshe Baumel sagt, oder eben Ta'anit Esther, den Fasttag, den sie heute gemeinsam mit Muslimen und Christen beenden. Drei weitere Tage fasten Juden aus Trauer ├╝ber die Zerst├Ârung des Tempels in Jerusalem. ┬źDenn wenn ein Mensch traurig ist, mag er nicht essen┬╗, sagt Moshe Baumel.

Fasten f├╝r die spirituelle Vertiefung

Sowohl Baumel als auch Temizel betonen, dass es beim Fasten nicht um das K├Ârperliche gehe, sondern darum, sich besser auf die spirituelle Verbindung mit Gott zu konzentrieren. Die Fastenregeln ├Ąhneln sich: Kein Essen und Trinken w├Ąhrend des Tages oder dass heilige Tage die Fastentage ┬źaufheben┬╗. Das heisst: F├Ąllt ein Fastentag auf den Shabat bei den Juden oder auf den heiligen Freitag bei den Muslimen, wird nicht gefastet.

Er ist weder Christ noch Jude, sondern mein Nachbar.

So wie die j├╝dischen und muslimischen Gl├Ąubigen von ihren Traditionen erz├Ąhlen, scheint das Regelwerk gar nicht mehr so kompliziert und der interreligi├Âse Dialog an diesem Abend einfach. Oder wie es Nusret Temizel ausdr├╝ckt: ┬źDer Prophet sagt, wenn ich aus dem Fenster rufe, dann ist jeder, der mich h├Âren kann, mein Nachbar. Er ist weder Christ noch Jude, sondern mein Nachbar. Und als Nachbar hat er eine grosse Bedeutung f├╝r mich.┬╗

┬źDie meisten von uns k├Ânnen nur in ihrem direkten Umfeld etwas ver├Ąndern┬╗, sagt Temizel weiter. Sicher gebe es einzelne in seiner Gemeinde oder in seiner Familie, die nicht verstehen, was er jetzt getan habe. ┬źAber wir brauchen diese Begegnungen, diesen Dialog. Am Anfang scheint es vielen falsch, aber am Ende machen sie mit.┬╗

 

Das Forum f├╝r Zeitfragen betreibt zusammen mit den Christlich-J├╝dischen Projekten, der Basler Muslim Kommission und der Kirchgemeinde Gundeldingen-Bruderholz die Plattform religonen_lokal, die mit ihrem Bildungs- und Begegnungsangebot religi├Âses Wissen aus erster Hand vermittelt und das friedliche Zusammenleben f├Ârdert. Drei interreligi├Âse Gespr├Ąchsgruppen treffen sich zweimal pro Quartal f├╝r den Austausch zu aktuellen Fragen rund um Religion und Gesellschaft.

 

Das gemeinsame Fastenbrechen fand im Rahmen der ┬źAnti-Rassismus-Woche┬╗ des Kantons Basel-Stadt statt.

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