Ersetzt künstliche Intelligenz Gott?
Von aussen wirkt es wie eine technische Revolution, von innen scheint es viel mehr: Künstliche Intelligenz beantwortet Fragen, trifft Entscheidungen, schreibt Texte, diagnostiziert Krankheiten – und wird von manchen bereits wie eine höhere Instanz behandelt. Wer nicht weiter weiss, fragt die Maschine. Wer Orientierung sucht, bekommt Vorschläge. Wer Sinnfragen stellt, erhält Antworten in Sekundenschnelle. So drängt sich die Frage auf: Ersetzt die künstliche Intelligenz Gott?
So abwegig ist die Frage nicht. Denn tatsächlich übernimmt KI Funktionen, die über Jahrhunderte religiösen Systemen vorbehalten waren: Sie deutet die Welt, strukturiert Wirklichkeit, verspricht Orientierung in einer komplexen Gegenwart und spendet – zumindest sprachlich – Trost und Hoffnung.
Matthias Zehnder. | Foto: Luca d’Alessandro
Wir Menschen neigen dazu, Sicherheit mit Wahrheit zu verwechseln.
«Technologien waren immer auch Projektionsflächen für religiöse Erwartungen», sagt der Medienethiker Matthias Zehnder. Neu sei jedoch, dass KI nicht nur Werkzeuge bereitstelle, sondern dialogfähig erscheine. Sie antworte, erkläre, widerspreche – sie spreche mit uns. «Das verändert etwas», sagt Zehnder. Allerdings sage diese Entwicklung weniger über Gott oder Maschinen aus als über die Menschen selbst: über ihre Fragen, ihre Unsicherheiten, ihre Sehnsucht nach Antworten.
Denn in unserer Gesellschaft klafft inzwischen eine Leerstelle. Religion und Kirchen haben in der Gesellschaft an Bindungskraft verloren, ihre Sprache ist vielen fremd geworden. Manche füllen diese Lücke mit populärpsychologischen Ratgebern, andere wenden sich Algorithmen zu. Wo früher gebetet wurde, wird heute getippt.
Die Verheissung der Allwissenheit
Religionen leben von der Idee der transzendenten, göttlichen Allmacht: Gott sieht alles, weiss alles, ordnet alles. Moderne KI-Systeme kommen dieser Vorstellung erstaunlich nahe – zumindest auf den ersten Blick. Sie analysieren riesige Datenmengen, erkennen Muster, erstellen Prognosen. Für viele Nutzer wirkt das wie Allwissenheit.
Doch diese Wahrnehmung ist trügerisch. «KI ist ein Papagei, der plappert ohne zu verstehen», sagt Zehnder. Sie wisse nichts, sie berechne Wahrscheinlichkeiten. Sie habe kein Bewusstsein, keine Intention, keine Verantwortung. Das Gefühl von Autorität entstehe allein durch die Form der Antworten: ruhig, souverän, ohne Zweifel. «Wir Menschen neigen dazu, Sicherheit mit Wahrheit zu verwechseln.»
Gerade darin liegt eine Parallele zur Religion – und zugleich ein entscheidender Unterschied. Während religiöse Traditionen ihre Grenzen oft offen benennen und Gottes Wege als unergründlich beschreiben, suggeriert KI etwas anderes: Alles scheint erklärbar, optimierbar, lösbar. Die Maschine kennt kein Geheimnis. Sie duldet keine Ambivalenz.
Claudia Paganini. | Foto (Ausschnitt): Martin Kraft (photo.martinkraft.com)/CC BY-SA 4.0/Wikimedia
Wir leben in einer Zeit, in der traditionelle Sinnangebote an Bindungskraft verloren haben. KI tritt in diese Lücke – nicht als Gott, aber als Sinnsimulator.
Sinn auf Knopfdruck
Die Philosophin und Theologin Claudia Paganini sieht darin eine tiefere kulturelle Verschiebung. «Wir leben in einer Zeit, in der traditionelle Sinnangebote an Bindungskraft verloren haben», erklärt sie in ihrem Buch «Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche». Kirchen leeren sich, religiöse Rituale wirken museal. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Orientierung. «KI tritt in diese Lücke – nicht als Gott, aber als Sinnsimulator.»
Wenn Menschen KI nach Lebensentscheidungen fragen, nach moralischen Bewertungen oder existenziellen Fragen, dann gehe es weniger um Technik als um Vertrauen. Im religiösen Kontext bedeute Sinn, so Paganini, dass der Mensch in Gott ein Gegenüber finde, ein Du. Sinn entstehe im Gefühl, nicht allein zu sein. Genau dieses Bedürfnis werde von Chatbots erstaunlich gut bedient. Und je länger Menschen mit ihnen kommunizieren, desto leichter vergessen sie, dass sie mit einer Maschine sprechen.
Doch Sinn, so Paganini, lässt sich nicht berechnen. «Sinn entsteht in Beziehung, in Erfahrung, im Scheitern.» KI könne Texte über Sinn generieren, aber sie könne ihn nicht leben. Wer das verwechsle, riskiere eine Verarmung menschlicher Erfahrung.
Die Entzauberung des Wortes
Auch Zehnder sieht hier eine entscheidende Bruchlinie. KI entzaubere das Wort. Gerade im Christentum stehe das Wort am Anfang. Es sei Ausdruck menschlicher Gedankenarbeit, von Erfahrung und Verantwortung getragen – und habe in Gebeten, Bibeltexten und Glaubenszeugnissen besonderes Gewicht. KI hingegen erzeuge Wörter als Ergebnis eines Rechenprozesses, ohne Bedeutung im eigentlichen Sinn. «Wir können den Wörtern nicht mehr vertrauen», sagt Zehnder. Das verändere unser Verhältnis zur Sprache – und damit zur Welt.
Macht KI uns also dümmer? «Ja», sagt Zehnder – zumindest dann, wenn sie zum geistigen Ersatz werde. Wer ständig die einfacheren Abkürzungen nehme, verändere sein Gehirn. Neurologen hätten bei Londoner Taxifahrern gezeigt, dass der Hippocampus mit zunehmender Orientierungserfahrung durch den Stossverkehr wachse. Seit Navigationssysteme diese Leistung übernehmen, bilde sich dieses Hirnareal zurück. Womit wir uns beschäftigen, prägt uns. «KI muss nicht dumm machen», sagt Zehnder. Richtig angewandt könne sie einen herausfordern und weiterbringen. Aber wir neigen dazu, den bequemsten Weg zu wählen.» Dann wird KI zur geistigen Rolltreppe.
Gott ist nicht effizient
Und doch sieht Zehnder in der KI-Revolution auch eine Chance – gerade für die Kirchen. KI biete eine intellektuelle Simulation. Die Kirche könne dem eine soziale Realität entgegensetzen: echte Beziehungen, echte Erfahrungen, echte Gemeinschaft. In Zeiten von Fake News und algorithmischer Manipulation könnte die Sehnsucht nach Wahrheit und Vertrauen wieder wachsen.
Ersetzt KI also Gott? Claudia Paganini widerspricht entschieden. «Gott ist keine Problemlösungsmaschine.» Religiöser Glaube sei gerade dort relevant, wo es keine einfachen Antworten gebe: bei Leid, Schuld und Tod. «KI zielt auf Effizienz. Religion hält Ambivalenz aus.»
Vielleicht liegt genau darin der Kern der Debatte. KI verspricht Kontrolle in einer unübersichtlichen Welt. Religion erinnert daran, dass nicht alles kontrollierbar ist. Die Versuchung, das eine gegen das andere auszuspielen, ist gross. Doch sie führt in die Irre.
Am Ende ersetzt KI keinen Gott. Aber sie stellt eine alte Frage neu: Worauf vertrauen wir, wenn es ernst wird? Auf Daten oder auf Deutung? Auf Berechnung oder auf Bedeutung?
Die Antwort darauf kann keine Maschine geben. Sie bleibt menschlich.
Ersetzt künstliche Intelligenz Gott?