Es tanzt und lacht ein Clown in der Kirche ?!
Natürlich habe ich nicht mit allen Leuten hinterher reden können - die Kirche war wirklich voll. Aber die Rückmeldungen, die mich erreichten, waren durchweg positiv. Es ist also durchaus machbar, einen Clown in der Kirche auftreten, ja tanzen zu lassen. Es hat wirklich gepasst.
Genau wie der Clown im Guggengottesdienst in Linthal inzwischen schon zur liebgewordenen Tradition geworden ist. In der Kirche darf ja gejodelt, geörgelet, gesungen, gelobt und geklagt werden. Warum also nicht auch lachen?! Alles, was unser Leben ausmacht, darf in der Kirche vorkommen. Ja ich behaupte sogar, es MUSS vorkommen, sonst fehlt uns etwas im Glaubensleben!
Das ist nicht etwa eine neuzeitliche Erfindung, ein „Mainstream-Trend“. Eine Geschichte aus dem Mittelalter, aus dem Kloster in Clairveaux belegt, dass schon damals die frommen Männer weltoffener waren, als wir vielleicht vermuten:
Da wird von einem Gaukler erzählt, der sich seinen Lebensunterhalt damit verdient, durch die Strassen und Orte zu ziehen und auf den Marktplätzen die Leute mit seiner Kunst und seinen Spässen, mit ganz viel lustigen Sprüngen und Tänzen zu erfreuen. Doch irgendwann wird ihm dieses unstete Leben zuviel und er entschliesst sich, ins Kloster einzutreten und von nun an ein geregeltes Leben vor Gott zu führen. Aber weil er sein ganzes Leben mit Springen, Tanzen und Rad schlagen verbracht hat, sind ihm die Gebete und Gesänge fremd. Er kann keine Psalmen lesen und selber Gebete sprechen gelingt ihm auch nicht. So folgt er stumm den anderen Mönchen durch den Alltag und durch die Gebetszeiten.
Und immer öfter fragt er sich „Was tue ich hier?!“
Irgendwann hält er es nicht mehr aus und schleicht sich während der Gebetszeit in eine Nachbarkapelle. Während von nebenan die Psalmlieder der Mönche herüberklingen, wirft er sich die Kutte vom Leib und steht nun wieder in seinem bunten Gaukler-Kleid da. Er beginnt mit Leib und Seele zu tanzen. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft.
Ein anderer Mönch aber ist ihm gefolgt, beobachtet ihn durchs Fenster und holt dann den Abt hinzu. Am andern Tag ruft der Abt unseren tanzenden Mönch zu sich. Dieser ist erschrocken und befürchtet, dass er wegen des verpassten Gebets bestraft wird. Er bietet dem Abt an, das Kloster freiwillig zu verlassen, weil er eben doch eher auf die Strasse, als in ein Kloster gehört.
Doch der Abt verneigt sich vor ihm und bittet ihn, auch in Zukunft für ihn und alle Brüder im Kloster auf seine Weise zu beten: „In deinem Tanz hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Viel ehrlicher als wir mit unseren vielen Worten“
Wenn wir das, was wir sagen und tun, von ganzem Herzen in der Kirche vor Gott bringen, gibt es kein „Falsch“! Und darum darf, soll, ja muss auch ein Clown in der Kirche tanzen dürfen!
Natürlich feiern wir Gottesdienst gemeinsam. Darum brauchen wir Gelegenheiten, wo man anders beten darf. Auf den Ski beim Pistengottesdienst. Oder eben beim Guggengottesdienst: Wo man auch mal ganz ungezwungen Lärm machen und laut lachen darf. Das ist ein mindestens so ehrliches Lob wie das altehrwürdige Lied „Grosser Gott, wir loben dich“.
Jeder darf das, wovon sein Herz überquillt, vor Gott bringen: Wann, wie und wo, ist dabei gar nicht so entscheidend.
Wenn die Guggenmusik tanzend, trötend und trommelnd in die Kirchen stürmt, wenn Clown Franuš mit seinen Fragen und Scherzen die Predigt durcheinanderbringt (aber auch so manchen tiefsinnigen Einfall hat), dann bin ich gewiss: Auch Gott lacht mit uns und freut sich an unserer Lebensfreude. Und darum freue ich mich jedes Jahr auf den Guggengottesdienst in Linthal.
Text und Bild: Pfarrerin Manja Piezcker, Grosstal, Glarus Süd
Es tanzt und lacht ein Clown in der Kirche ?!