News von der Glarner reformierten Landeskirche

«Ihr Ziel ist es, eine Parallelgesellschaft zu gründen»

von Sandra Hohendahl-Tesch/reformiert.info
min
08.08.2022
Die beiden Post-Corona-Bewegungen Graswurzle und Urig wachsen hierzulande rasant. Warum sie gefährlich sind, erklärt Julia Sulzmann von der evangelischen Beratungsstelle Relinfo.

Julia Salzmann, in einer Medienmitteilung vom 20. Juli informierten Sie √ľber das Gef√§hrdungspotenzial der beiden Post-Corona-Bewegungen Graswurzle und Urig. Um was f√ľr Gruppierungen handelt es sich hierbei?
Graswurzle und Urig sind zwei weltanschauliche Bewegungen, die sich 2021 aus der Kritik an den bestehenden Corona-Massnahmen heraus gebildet haben. Unterdessen richtet sich die Kritik aber gegen viel mehr, eigentlich gegen fast alles, was mit dem Staat zu tun hat. Die beiden Gruppierungen verfolgen ein gemeinsames Ziel: Eine Parallelgesellschaft aufzubauen mit einem eigenen Schul- und Gesundheitssystem. Dabei lässt sich ein Trend zu gefährlicher Alternativmedizin und Verschwörungsmythen beobachten.

Die Bewegungen haben also zum Ziel, eine Parallelgesellschaft aufzubauen. Wie soll diese denn genau aussehen?
Betrachten wir zuerst einmal das Schulsystem. Hier fällt auf, dass in den Kreisen von Graswurzle und Urig ein riesiger Trend zum Homeschooling zu verzeichnen ist. Viele Gleichgesinnte haben sich bereits zusammengetan, um sich die Arbeit zu teilen. Dabei herausgekommen sind eine Vielzahl von Homeschooling-Projekten und Privatschulen, die wir als weltanschaulich bezeichnen.

Was heisst das konkret?
In diesen Kreisen wird die Schule unter anderem als ¬ęZwangsindoktrinierungsanstalt¬Ľ bezeichnet. Im esoterischen Milieu wird Intuition tendenziell h√∂her gewertet als Fakten und Wissenschaft. Die Jugendlichen werden mitunter ohne Abschluss zur√ľckgelassen, der sie f√ľr ein Leben ausserhalb einer bestimmten Weltanschauungsgemeinschaft qualifiziert. Graswurzle wirbt derzeit f√ľr eine alternative Privatschule namens Campus Vivere, 2021 von drei Esoterikerinnen gegr√ľndet. Dort werden zum Beispiel Personen aus der Staatsverweigerungsszene als Referenten eingeladen.

Ebenfalls im Fokus der Bewegungen steht das Gesundheitswesen. Was schwebt den Anhängern von Graswurzle und Urig vor?
Die Bewegungen kritisieren insbesondere die Schulmedizin. Gef√§hrliche Gesundheitstipps werden verbreitet, wie beispielsweise die Empfehlung, man solle Chlordioxid oder Wasserstoffperoxid einnehmen. Es helfe bei s√§mtlichen Erkrankungen wie Krebs, Diabetes, Multiple Sklerose oder Alzheimer, was die Pharmaindustrie aber vertuschen wolle. Nat√ľrlich ist dies Quatsch und erst noch sehr gef√§hrlich! Graswurzle hat k√ľrzlich einen Vertreter der ¬ęNeuen Germanischen Medizin¬Ľ eingeladen. An dessen Vortrag in Z√ľrich habe ich verdeckt teilgenommen. Er r√§t unter anderem dazu, Krebserkrankungen unbehandelt zu lassen. Oder empfiehlt Eltern, ihre Kinder nicht mit Sonnencr√®me zu sch√ľtzen, da diese krank mache.

Wenn man dies h√∂rt, kann man sich kaum vorstellen, dass sich Menschen davon tats√§chlich angesprochen f√ľhlen. Reden wir von ein paar wenigen, unzufriedenen B√ľrgerinnen und B√ľrgern oder tats√§chlich von einer gr√∂sseren Gruppe?
Die beiden Post-Corona-Bewegungen breiten sich geradezu rasant aus. Noch nie haben sich in der Schweiz weltanschauliche Gruppierungen so schnell verbreitet wie Graswurzle und Urig. Sie wurden erst vor einem Jahr ins Leben gerufen und bilden zusammen bereits √ľber 140 Lokal- und Ortsgruppen in der ganzen Schweiz (siehe unten). Wir sch√§tzen die Zahl die Mitglieder auf mehrere Tausende. Das ist hochproblematisch!

Was f√ľr Personen f√ľhlen sich angesprochen?
Altersm√§ssig sind die meisten Anh√§nger zwischen 35 und 55, mit Kindern im schulf√§higen Alter. Sie setzen sich aus verschiedenen Szenen zusammen. In der Schweiz besitzen gesch√§tzt 400 000 Menschen ein esoterisches Weltbild. Ungef√§hr zehn Prozent der Gesamtbev√∂lkerung vertritt Verschw√∂rungstheorien. Dar√ľber hinaus sind auch √∂kologisch Interessierte und Kritikerinnen und Kritiker der Pandemiepolitik potentielle Mitglieder.

Was sind die politischen Konsequenzen, die von diesen Bewegungen ausgehen?
Politische Folgen sind nicht auszuschliessen: In den Kreisen von Graswurzle und Urig sind immer wieder Staatsverweigerer aktiv, die von der Teilnahme an Wahlen und von der Anerkennung von Polizei und Justiz abraten. Die Anh√§nger dieser Bewegungen wollen autark leben. Sie verbreiten apokalyptische Verschw√∂rungserz√§hlungen. Den Mitgliedern wird geraten, sich lokal zu vernetzen, sodass im Falle eines Stromausfalls und einer globalen √úberwachung eine Kommunikation untereinander noch m√∂glich w√§re. Im Ernstfall sollen die Mitglieder sich zudem auch verteidigen k√∂nnen ‚Äď es wird empfohlen, Selbstverteidigungstrainings zu absolvieren und den Umgang mit Waffen zu erlernen.

Julia Sulzmann hat Psychologie studiert und ist Mitarbeiterin von Relinfo.

Interview: Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info

Unsere Empfehlungen

69-Jährige im neuen Look

69-Jährige im neuen Look

Das «Wort zum Sonntag» gehört zu den ältesten Sendungen von SRF. Jetzt wurde ihr Auftritt optisch überarbeitet. Über die alte Sendung in neuem Glanz.
«Ich hätte das nicht für möglich gehalten»

«Ich hätte das nicht für möglich gehalten»

Seit einem Jahr herrscht Krieg in der Ukraine. Aus diesem Anlass rufen die Kirchen in der Schweiz zum Gebet auf. Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz (EKS), über die Zeitenwende, das Gebet und den Einsatz von Waffen.
Ein moderner Ablasshandel?

Ein moderner Ablasshandel?

Kabarettistin und Slam-Poetin Patti Basler über Spenden, Steuern und den letzten Urnengang. Absolution gebe es nicht, sagt die Schweizer Sprachkünstlerin, weder von der Kirche noch von Mutter Erde.
«Ich wollte nur noch zurück ins Leben»

«Ich wollte nur noch zurück ins Leben»

Nichts weist auf Organversagen des strammen, kleinen Micha hin. Doch 30 Stunden nach der Geburt muss Familie Giger ihr fünftes Familienmitglied wieder loslassen. Für Mutter Melanie folgen dreieinhalb Jahre der Verzweiflung und Depression. Heute begleitet das Ehepaar Menschen durch Krisen.