News von der Glarner reformierten Landeskirche

Interview zum Februar-Schwerpunkt: „Berührung ist weit mehr als Tastsinn“

von Swantje Kammerecker
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29.01.2026
Sie erleben im Beruf, wie wichtig ein gutes Gespür für Körper und Seele ist: Das Ehepaar Iris Lustenberger und Bernhard Fasser aus Glarus im Interview.

Ihre Wohnung umfasst auch einen Praxisraum. Denn obwohl eigentlich schon im Pensionsalter, praktiziert Bernhard Fasser noch immer als Physiotherapeut.

Iris Lustenberger hat im Sommer 2025 ihr Pfarramt in Ennenda aufgegeben, ist aber weiterhin in der Massage und Traumatherapie tätig. Sie erzählt, dass sie schon als Kind die Welt stark über Berühren und „Begreifen“ erlebte, etwa in der Natur. Während des kopflastigen Theologiestudiums machte sie als Ausgleich die Massage-Ausbildung, später kam Traumatherapie dazu.

Bernhard Fasser wuchs mit einer starken Sehbehinderung auf, gab in seinen Zwanzigern den Erstberuf in der Verwaltung auf und studierte – wohl als einer der ersten Blinden in der Schweiz – Physiotherapie. Für ihn war der Tastsinn nebst dem Gehör, das er später nach und nach verlor, ein bedeutender Zugang zur Welt, die er aber ansonsten mit sehr viel Wissenserwerb lebendig in seinem Kopf nachbildet. „Berührtsein ist mehr als Tastsinn, das gibt es auch im Sinn von innerer Bewegtheit, angerührt sein“, sagt er. Zwischen beiden herrscht eine spürbare innere Verbindung; so sagt etwa seine Frau, dass „ich mich noch nie so sehr ‚gesehen‘ gefühlt habe wie durch Beni.“ Beispiele ihrer Arbeit zeigen sie später auch an der Massageliege: etwa eine Übung, um die eigene Kraft zum Widerstand zu spüren. Oder wie man den Nacken einer Person mobilisiert, mit den Händen etwaige Probleme „erfasst“ und löst. Dass dafür nicht nur eine solide Aus- und stetige Weiterbildung sondern auch zehntausende Stunden Erfahrung wichtig sind, und nicht zuletzt die Fähigkeit sich ganz auf die andere Person zu konzentrieren, wird dann im Gespräch deutlich.

Herr Fasser, verfeinert sich der Tastsinn, wenn man blind ist? Ist dies ein Vorteil für die Arbeit als Physiotherapeut? Der Tastsinn wird trainiert, wenn man ihn mehr beachtet. Wir Blinde können nicht besser tasten, aber sind aufmerksamer auf das, wonach wir suchen. Wenn wir im Gewebe arbeiten oder ein Gelenk und seine Mechanik spüren, kann das ein Vorteil sein, dafür können Sehende ein Gangbild oder Bewegungsabläufe besser beobachten. Patient/-innen geben uns sehbehinderten Therapeut/-innen oft einen grossen Vorschuss an Erwartungen, die wir erfüllen müssen, sonst kippt es ins Gegenteil. Unsicherheit können wir uns nicht leisten.

Können Sie sich im Verlauf ihrer Erkrankung an einen Kipp-Punkt erinnern, wo man sich mehr auf die anderen Sinne als aufs Sehen verlässt? Das geschah bei mir fliessend mit der Abnahme der Sehfähigkeit. Teils ergänzten sich die Sinne auch, so konnte ich etwa mit dem weissen Stock die Umgebung auf das hin abtasten, welches ich als interessierenden Ausschnitt mit meinem minimalen Gesichtsfeld betrachtete. Auch das Gehör war damals wichtig. Ja, ein paar Kipp-Punkte gab es schon: etwa, als ich das Licht nicht mehr anmachte. Oder später, als ich im Verlauf der Ertaubung das Hören, mit einem Cochlea-Implantat, wieder neu lernen musste.

Muss die Welt berührbarer werden? Ja, unbedingt. Mir helfen tastbare Modelle von Gebäuden (er zeigt eins der Kirche Ennenda) und Landkarten sehr. Auch in Museen sollte es mehr ertastbare Exponate geben. Im Haushalt werden viele Geräte mit Touchscreens betrieben – schwierig für Blinde, ebenso die Verkaufsregale im Supermarkt, wo man aus Gründen der Hygiene natürlich nicht alles anfassen kann und Hilfe von aussen braucht.

Und wir Menschen, mangelt es uns an Berührung? Und braucht es die für eine gute Kommunikation? Für mich ist es nützlich, wenn jemand mich antippt, damit ich die Aufmerksamkeit auf ihn richten kann. Für Sehende sagen Mimik und Haltung meist mehr aus als Berührung. Nun ist man seit Corona und Me too auch etwas zurückhaltender damit… Ein Mangel? Schwer zu sagen. Vielleicht tritt, wenn Menschen allein leben (in der Schweiz 55 %!) eine Vereinsamung zusammen mit einem Mangel an Berührung und Kommunikation auf.

Vieles wird ja zunehmend durch Geräte oder gar KI ersetzt. Spielt das auch eine Rolle in Ihrem Beruf? Schon heute lassen sich Leute von Autositzen oder Massagegeräten massieren. Viele sind offen gegenüber Robotik und KI, wir werden solche Hilfsmittel zunehmend auch in der Pflege benötigen. Aus meiner Erfahrung kann ich aber sagen, dass Maschinen die Hände eines Masseurs oder einer Physiotherapeutin niemals ersetzen können. Studien, die gemacht wurden, bestätigen dies, könnten aber rasch beiseitegelegt werden, wenn sich zeigt, dass  Leistungserbringer die billigere Behandlung durch Geräte vorziehen. So wird dann mein Angebot – auch wenn ich das so eigentlich gar nicht will – nur noch für Menschen infrage kommen, die sich das privat leisten können.

„Die Berührung, die Jesus gibt, führt immer in die eigene Macht und Wertschätzung und stellt verletzte Grenzen wieder her.  Sie gibt Raum zur Heilung, die von innen kommt.“

Frau Lustenberger, Sie haben selbst als Pfarrerin mit Elementen von Berührung gearbeitet, worauf kommt es dabei an? Ich habe in all den Jahren einige Erfahrungen sammeln können: Bei Salbungsgottesdiensten (dazu gehörte die Ausbildung bei Walter Hollenweger in Bern) , bei Massagekursen für Mädchen (in Bern, Oberrieden, Ennenda – mit sehr klaren Rahmenbedingungen), mit Handauflegen während der Nacht der Kirchen in Ennenda oder bei Heilweisen im Rahmen der Generationenkirche, mit einem Kurs für Erwachsene mit Handauflegen. Klare Kommunikation und Information sind dabei ganz wichtig, man muss immer auch mit dem Thema ‚persönliche Grenzen‘ arbeiten. Dazu gehört die eigene Körperwahrnehmung, um Grenzen überhaupt adäquat setzen zu können. Es bestimmt immer der oder die Empfangende, was er oder sie möchte!! Wir stellen uns in den Dienst Gottes ohne manipulative Gedanken oder Erwartungen. Das Bewusstsein für „Dein Wille geschehe“ ist elementar. Ganz im Jetzt präsent sein zu können – vermittelt durch Spiegelneuronen – ist der Schlüssel zu einer guten Erfahrung. Es braucht Schulung und gute Einführung der Personen, die Berührung weitergeben.

Was sagt uns die Bibel über Berührung? Sie ist voll von Erzählungen, wie Jesus Menschen berührte und heilte. Berührung und Heilung gehören dabei selbstverständlich zusammen. Ein Beispiel (siehe unten) ist die Heilung der gekrümmten Frau in Lukas 13. Die Berührung, die Jesus gibt, führt immer in die eigene Macht und Wertschätzung und stellt verletzte Grenzen wieder her. Sie gibt Raum zur Heilung, die von innen kommt. Ebenfalls um Heilung geht es bei Lukas 10,10 - die Aussendung der Jünger: Hände aufzulegen und im Sinne Jesu zu heilen, ist unser Auftrag. Das Salben wird bei Markus 6,13 und Jakobus 5,14 erwähnt.

Als wir vorhin über einen Mangel an (guter) Berührung sprachen, haben Sie schon eingehakt… Ja, Menschen haben ein Defizit an bedingungsloser Berührung, die einfach Halt gibt, ohne zu manipulieren. Berührung ist Kontakt, Verbindung, Begreifen, seelische Nahrung, Glück, Freude, Geborgenheit, Lebendigkeit, sie schenkt Wertschätzung und Respekt, gibt das Gefühl von Angenommensein! Die Kehrseite davon sind leider Manipulation, Grenzüberschreitung, Ausnützung und Missbrauch durch Berührung, Gewalt und Unfälle.

„Körperlichen Halt zu erleben, kann unglaublich wertvoll sein. Es geht da um etwas, das man sich selbst nicht geben kann.“

Was bedeutet Berührung in Ihrem zweiten Beruf, bei der Massage und Trauma-Therapie? Massage lebt von Berührung. Auch da sind Wertschätzung, klare Grenzen wichtig und Präsenz für die Person, was sie im Moment braucht.  Sie schenkt Selbstsicherheit, hilft Selbstliebe als Grundlage für Nächstenliebe zu entwickeln, und auch sich selbst besser wahrzunehmen punkto Stressregulation und Lebensqualität. Viele Menschen finden körperlich nur noch schwer Entspannung und Ruhe oder aber es fehlt an Antriebskraft; hierin können sich auch seelische Probleme ausdrücken. Insofern geht es immer um den ganzen Menschen. Bei der Traumatherapie ist die Körperwahrnehmung der Schlüssel zur Traumalösung. Denn dieses Trauma ist im Nervensystem gespeichert – man denke etwa an frühkindliche Erfahrungen und Dinge, die bei einer Narkose geschehen. Berührung muss nicht zwingend eingesetzt werden, kann aber hilfreich sein, um eigene Grenzen zu spüren und die Selbstregulation zu unterstützen. Wo ein Kind vielleicht nie die nötige Berührung, den nötigen körperlichen Halt bekam, kann die Arbeit mit Berührung unglaublich wertvoll sein. Es geht da um etwas, das man sich nicht selbst geben kann! Berührung wird in der Traumatherapie aber erst eingesetzt, wenn sichergestellt ist, dass jemand von innen her genügend reguliert ist. Sie darf niemals in die Abhängigkeit führen.

Zum Weiterlesen – Beispiele heilender Berührung in der Bibel

Lk 13, 10-13: Jesus sieht die verkrümmte Frau unter all den Menschen. Er legt ihr seine Hände auf den verkrümmten Rücken. Sie spürt seine Kraft, kann sich Stück für Stück aufrichten.

Mt 9, 20-22: Die Heilung der blutflüssigen Frau: Eine kranke Frau berührt Jesu Gewand in der Menschenmenge. Er spürt, wie eine Kraft von ihm auf sie übergeht – sie wird geheilt.

Mk 8, 22-26: Heilung eines Blinden am Teich von Betsaida: Jesus führt den Blinden aus dem Dorf, bestreicht seine Augen mit Speichel, legt ihm die Hände auf und fragt ihn: Siehst du etwas? 

Mk 10, 13-16: Die Menschen bringen Jesus ihre Kinder, er nimmt sie in die Arme und legt ihnen die Hände zum Segen auf. 

Lk 22,51: Jesus berührt das Ohr eines Verletzten und heilt ihn.

Apg 28,8: Der Vater des Publius liegt mit Fieber und Ruhr im Bett. Paulus geht zu ihm hinein, betet, legt ihm die Hände auf und heilt ihn.

Erstaunliches über den Tastsinn

– Mit einem Gewicht von etwa 10 kg ist die Haut unser grösstes Organ.

– Der Tastsinn bildet sich als erster unserer Sinne heraus – ab Woche 8 der Schwangerschaft.

– Streicheln muss nicht gelernt werden; wir bewegen unsere Hände intuitiv im richtigen Rhythmus – bei 40 Streichlern pro Minute schüttet der Körper die meisten Glückshormone aus.

– Menschen können Unebenheiten von Zehnteln von Millimetern ertasten.

– Etwa 640'000 Tastpunkte hat unsere Haut, die Dichte der «Tastkörperchen» ist an Fingerspitzen, Handflächen, Fusssohlen und Lippen besonders hoch.

– Wir verfügen über Tast-, Druck-, Vibrations-, Wärme-, Kälte- und Schmerzrezeptoren.

– Auch Haare können Berührung weiterleiten, sie sind unter der Haut mit entsprechenden Nervenfortsätzen verbunden. Bei Tieren spielen sie eine noch grössere Rolle.

Text und Bilder: Swantje Kammerecker

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