News von der Glarner reformierten Landeskirche
#denkpause

Je langsamer, desto schneller

von Dagmar Doll
min
17.05.2023
"Als Gott die Zeit erschuf, meinte er nicht die Eile!" - Über die Entschleunigung und den Mut zur Faulheit, besonders was den Familienalltag angeht. Ein Text von Pfarrerin Dagmar Doll.

Kennen Sie die Geschichte von Momo, der Schildkr√∂te und Meister Hora? Das war ein Kinderbuchbestseller als ich ein Kind war. Grob gesagt geht es in der Geschichte von Michael Ende um das Thema Zeit. Graue Herren stehlen den Menschen die Zeit und diese werden immer hektischer und haben keine Zeit mehr f√ľr irgendwas. Mitten durch dieses Hetzen durch die Zeit begegnen wir zwei Wanderinnen: Momo und der Schildkr√∂te Kassiopaia. Sie sind auf dem Weg zu Meister Hora, dem alten weisen Mann, der durch eine Stundenbrille die Menschen beobachten kann. Ihm geh√∂rt Kassiopaia, die Schildkr√∂te. Sie nimmt es gem√ľtlich und sogar Momo wird ungeduldig, obwohl doch alle wissen, dass sie sich nicht aus der Ruhe bringen l√§sst und so gut zuh√∂ren kann. Wenn nur die Schildkr√∂te nicht immer so langsam krabbeln w√ľrde. Aber Kassiopaia, die Schildkr√∂te, l√§uft ganz gem√§chlich weiter. ‚ÄěJe langsamer, desto schneller‚Äú. Das ist ihr Motto, das Motto eines Tieres, das einen so geringen Herzschlag hat, dass es viel √§lter wird als wir Menschen. Zum Beispiel wurde Harriet, eine Galapagos-Schildkr√∂te aus dem Australia Zoo, stolze 176 Jahre alt.

Wenn aber nach der Schule die Hausaufgaben dr√ľcken und in einer Stunde schon der Kindergeburtstag ruft, w√§hrend der Kleine noch aus der Krippe abgeholt werden muss, bevor dann noch schnell das Abendessen zubereitet wird, wenn im Familienkalender mal wieder kaum Zeit ist, um sich mit Freunden zu treffen, dann ist das so eine Sache mit einem so sch√∂nen Motto. Vielleicht denken das ja besonders die M√ľtter und V√§ter mit ihren noch nicht erwachsenen Kindern. Immerhin war ja Muttertag und wir sollten einen Blick auf sie richten. Wenn Sie mal einen Tag Zeit h√§tten, was w√ľrden Sie tun?

Zeit haben, das erlebt die Eine anders als der Andere. F√ľr den Einen ist eine Stunde viel zu kurz, um alles hineinzupacken, was zu tun ist. F√ľr die Andere zieht sich eine Stunde wie ein Kaugummi. Und doch Stunde bleibt Stunde. Zeit ist also sehr individuell. Momo ist sehr weise, kindlich weise und vielleicht naiv ‚Äď sie nimmt sich Zeit. Sie weiss, es gibt eine Zeit zum Spielen und eine Zeit zum Lernen. Es gibt eine Zeit zum Gehen und zum Stehen, zum Reden und zum Schweigen. Die grauen Herren um sie herum, kennen nur Aktivit√§t, keine Ruhe, keine Musse.

Mir fiel, als ich an Momo dachte und an die Zeit und an das Zeitnehmen, eine Geschichte mit Jesus ein. Da sind zwei Frauen: Maria heisst die eine und Martha die andere. Marta ist eine richtig gute Hausfrau. Als sie h√∂rt, dass Jesus kommt, da f√§ngt sie an das Haus zu putzen, einzukaufen, vorzubereiten, zu kochen. Und als Jesus da ist, da blitzt und blinkt alles und es duftet k√∂stlich. Maria ist sonst auch nicht schlecht im Haushalt. Aber heute denkt sie sich, nehme ich mir Zeit, Zeit um Jesus zu zuh√∂ren. Und sie setzt sich hin und unterh√§lt sich mit Jesus. Marta ist ziemlich sauer dar√ľber und sie beschwert sich bei Jesus. ‚ÄěFindest du es gut, dass ich hier schufte, w√§hrend meine liebe Schwester nur dahockt und dir zuh√∂rt?‚Äú Jesus, denkt sie sich, findet das bestimmt auch ungerecht. Aber Jesus sieht das etwas anders. Er findet, dass es viel sch√∂ner ist, dass Maria sich Zeit nimmt, dass sie sich hinhockt und mit ihm redet.

Also all die M√ľhe nichts wert, mit der wir uns t√§glich abm√ľhen? Nun, sicher nicht, aber Momo und Maria machen es uns etwas vor. Zeit schenken ist viel wert. Sich Zeit nehmen genauso. Und wirklich, f√ľr sich Zeit nehmen ist unendlich wertvoll, das heisst, auch mal faul sein d√ľrfen, die Sonne genie√üen, eine Coachpotato zu sein, das ist erlaubt und das ist wichtig. Dass das im Alltag nicht immer geht, dass die Zeit rennt und schon bald wieder der Sommer, der Herbst und das Jahr vorbei ist und wir es wieder nicht mitbekommen haben, das ist leider so.¬†

Aber vielleicht gelingt es uns ja, mal einen Gang zur√ľckzuschalten, allen zusammen in der Familie. Vielleicht kann man ja mal den Familienkalender √ľberarbeiten und schauen, wo was zu streichen ist und somit die Zeit etwas anhalten. Unsere Zeit steht in Gottes H√§nden und bei Gott, so steht in der Bibel, ist eine Stunde wie hundert Jahre. Oder anders, wie es an einem Haus in Ennetb√ľehl in Ennenda steht: ‚ÄěAls Gott die Zeit erschuf meinte er nicht die Eile‚Äú. Also, je langsamer desto schneller. Ein gutes Motto f√ľr das Muttertagswochenende und dar√ľber hinaus. ¬†

Amen.

 

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