News von der Glarner reformierten Landeskirche

Junge Seite: Das Licht am Anfang des Tunnels

von Liv Knecht
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02.03.2026
Ich lebe nun schon 5 Monate im offiziell drittkältesten Land der Welt. Der Winter hier hat mich mit Temperaturen unter minus 25 Grad Celsius und Sonnenuntergängen um vier Uhr dreissig nachtmittags etwas überfallen. Doch ich habe entschieden, dass Winterschlaf nichts für mich ist. Ein kleines Teelicht ïst genug...

Triste Wintertage
Kurze, kalte Tage. Lange, noch kältere Nächte. Eingefrorene Hände, rote Nasenspitzen, eine Kleidungsschicht über der nächsten. Und zu alledem sind die Festtage, die Adventszeit bereits vorübergezogen, das Sternenlicht am Ende des Tunnels verschwunden. Nun schlittern wir über die vereisten Gehwege und versuchen unsere Hände verzweifelt in unseren Taschen aufzuwärmen. Endlose, triste Wintertage, den Blick stur geradeaus gerichtet, einen Punkt in der Dunkelheit fixierend, in welchem wir uns den Frühling erhoffen, erträumen, versprechen.
Schwer atmend, einen trägen Schritt nach dem anderen nehmend, gehen wir darauf zu. Nicht sicher, ob wir je ankommen werden.

Die übersehenen Bojen
Und während man durch die Dunkelheit strauchelt und sich über die brennende Kälte beklagt, bemerkt niemand, wie unser Atmen weisse Wölkchen bildet. Niemand sieht den warmen Schein der Strassenlaterne an der Kreuzung auf dem Arbeits- oder Schulweg. Niemand riecht den Duft nach Curry, der von einer Wohnung über dem Bürgersteig zu uns herunter wabert. Wir versuchen, in diesem Meer von Kälte nicht unterzugehen und strampeln gegen die Wellen an, ohne dabei die Rettungsbojen, die nur wenige Meter von uns entfernt im Wasser schaukeln, zu
sehen. Oftmals würde ein Blick nach links schon genügen. Ein ausgestreckter Arm. Ein wenig Glaube. Denn wer an jene Rettungsbojen glaubt, wird sie auch finden, und mit ihnen, den Zauber.

Der verpasste Zauber
Es beginnt bei meinem Frühstück. Wer würde glauben, dass etwas Zimt im Haferbrei den Anfang eines Tages so verzaubern könnte. Zauber ist überall, man muss nicht einmal nach ihm suchen, man muss ihn nur zulassen. Wir verteufeln den Winter und verpassen die Ruhe, die der erste
Schneefall mit sich bringt, denken nicht einmal daran, die Schneekristalle eines beschlagenen Fensters zu bewundern, und sehen heisse Schokolade als ein unseriöses Getränk für Kinder an. Und vielleicht ist das der Grund, weshalb wir den Zauber verpassen. Denn ich bin mir sicher,
dass Kinder ihn sehen – wie sonst könnten sie im Winter glücklich durch den Schnee rollen, ohne sich um ihre nassen Handschuhe oder knallroten Gesichter zu kümmern. Wir sollten alle mehr heisse Schokolade trinken.

Das rettende Teelicht
Oft habe ich mir schon gedacht, dass wir womöglich gar kein Licht am Ende des Tunnels brauchen, um diese kalte Jahreszeit auszuhalten. Was wir wirklich brauchen, ist das Licht am Anfang des Tunnels. Den kleinen, alltäglichen Zauber, den wir mit uns tragen und der uns immer
nur den nächsten Meter erhellt, einen weiteren erleuchteten Schritt erlaubt. Wie sollte uns ein Kilometer entferntes Licht das Glück vor unseren Nasenspitzen zeigen können? Und deshalb werde ich immer lieber ein Teelicht mit mir durch den Winter tragen, anstatt am Ende des
Tunnels die Sonne zu suchen. Alles, was wir brauchen, ist unser eigenes kleines Licht am Anfang des Tunnels. Und vielleicht
werden wir so herausfinden, dass da gar kein Tunnel ist.

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