News von der Glarner reformierten Landeskirche
Musik

«Mein Job ist es, die Menschen aufzufangen»

von Noemi Harnickell
min
19.02.2026
Der Basler Schlagersänger und Pfarrerssohn Vincent Gross singt in ausverkauften Hallen über die Liebe, über Ouzo und Aperol Spritz. Im Gespräch erzählt er, wie der Kirchenchor seine Karriere beflügelt hat und was seine Musik zum spirituellen Erlebnis macht.

Sie sind als Pfarrerssohn im Pfarrhaus aufgewachsen. Heute sind Sie berühmt für Party-Lieder wie «Ouzo», «Drinking Wine Feeling Fine» und «Aperol Spritz». Beisst sich das nicht?

Vincent Gross: Im Gegenteil! Ich meine, das Bier wurde doch von den Mönchen in christlichen Klöstern erfunden – insofern könnte man sagen, ich trete entfernt in ihre Fussstapfen. Ausserdem ist das Singen über Getränke für mich eine sehr authentische Erfahrung: Ich besitze nämlich mit Freunden auch eine Brauerei in Basel, die BrauBude. Ich singe also nicht nur darüber, ich leb’s auch!

Inwiefern prägt Ihr Elternhaus Sie denn heute?

Der Glaube ist für mich noch immer allgegenwärtig, auch wenn ich an den Sonntagen eher unterwegs zu Auftritten bin als in der Kirche. Meine Eltern haben mir aber wichtige Grundwerte mitgegeben, wie Respekt und Freundlichkeit gegenüber allen Menschen. Und sie hatten einen riesigen Einfluss auf meine Karriere. Sie haben mich für alle Arten von Musik begeistert, von Klassik bis Schlager, und gaben mir die Möglichkeit gegeben, Instrumente zu lernen.

Auch im Kirchenchor sangen Sie mit …

Ja, das war eine coole Truppe! Ich glaube, im Kirchenchor kam ich zum allerersten Mal in Kontakt mit Notationen. Da hat das für mich ein Stück weit angefangen mit der Musik.

Es ist doch so: Wenn man jemanden anlächelt, bekommt man das Lächeln immer zurück.

Für viele Menschen ist Musik etwas sehr Spirituelles. Kann man das auch beim Singen von Schlager empfinden?

Ja, total! Der Schlager eignet sich von Natur aus gut zum Feiern. Für viele Menschen bietet er eine Möglichkeit, dem Alltag zu entkommen und den Kopf von allen «Päckli» zu befreien, die sie mit sich herumtragen. Die Musik hat etwas wahnsinnig Befreiendes. Für mich bedeutet Schlager, zumindest für einen Augenblick, aktiv das Leben zu geniessen.

Kritiker behaupten oft, Schlagertexten fehle der Tiefgang. Welche Werte möchten Sie mit Ihren Liedern vermitteln?

Ehrlich gesagt, genau das: Achtsamkeit im Moment des Feierns. Friede, Freude, Party – das ist mein Slogan. Oft wünschte ich mir, die Welt wäre etwas mehr so. Das heisst für mich nicht, dass man bei meinen Konzerten die Realität weg lügt, sondern dass wir uns für ein kurzes Zeitfenster achtsam auf die schönen Sachen im Leben konzentrieren.

 

Vincent Gross (*23. August 1996 in Basel) ist Schlagersänger, Songwriter und Moderator. Er wuchs in Basel auf, sang im Kirchenchor und lernte mit 15 Jahren Gitarre von seinem Bruder. Nach der Matura begann er ein Psychologie-Studium, das er nach drei Semestern für die Musik abbrach. 2015 gewann er die SRF-Talentshow «Hello Again» als Newcomer. Bekannt wurde er mit modernen Popschlager-Hits wie «Aperol Spritz» und «Ouzo». Mit eingängigen Melodien, Charme und viel Bühnenenergie begeistert er sein Publikum im deutschsprachigen Raum. Er war Gast der Baselbieter Kirche im Februar.

 

Das Schlagerkonzert als spirituelles Erlebnis. Sehen Sie Parallelen zwischen einem Konzertpublikum und der Gemeinde im Gottesdienst?

Unbedingt, denn als Pfarrer musst du die Leute ebenfalls entertainen – und bei beidem wird gesungen! Meine Mutter sagt immer, ich sei nur deshalb Sänger geworden, weil sie damals hochschwanger mit mir vor den Leuten gepredigt habe. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich von dem Adrenalin etwas abbekommen habe.

Vielleicht wären die Gottesdienste am Sonntagmorgen besser besucht, würde man anstelle von Kirchenliedern Schlager singen …

Das könnte ich mir gut vorstellen. Wenn ich so darüber nachdenke, dann sehe ich einige Parallelen. Auch in der Kirche steht man manchmal auf und klatscht im Takt, vor allem bei Gospels. So unwahrscheinlich ist die Vorstellung also gar nicht.

Das Musikmachen, das gemeinsame Zelebrieren, die gegenseitige Freude – ich singe gerne über die schönen Dinge im Leben, das steckt auch mich an.

Ihre Lieder sind echte Ohrwürmer, sie vermitteln sofort gute Laune. Wie schaffen Sie es, bei Auftritten selbst immer fröhlich zu sein?

Genau das ist es, was ich am Schlager so liebe: Die Leute kommen, weil sie Lust auf etwas Schönes haben, und in neunzig Prozent der Fälle hast du wirklich glückliche Gesichter vor der Bühne. Es ist doch so: Wenn man jemanden anlächelt, bekommt man das Lächeln immer zurück.

Dennoch: Kein Mensch ist immer gut gelaunt.

Natürlich kommt es vor, dass ich vor einem Auftritt traurig oder schlecht gelaunt bin, aber es ist mir noch nie passiert, dass ich während dem Konzert nicht von der Stimmung im Publikum angesteckt wurde. Es macht mir so viel Spass und im Raum entsteht eine so tolle Energie, dass ich die Welt draussen einfach sein lassen kann. Das Musikmachen, das gemeinsame Zelebrieren, die gegenseitige Freude – ich singe gerne über die schönen Dinge im Leben, das steckt auch mich an.

Musik kann auch eine gesellschaftliche Verantwortung haben. Lassen Sie sich in Ihrer Kunst vom weltpolitischen Geschehen beeinflussen?

2022 erschien mein Album «Frei», das viele Medien als Kommentar zum Ukrainekrieg interpretierten. Allerdings trenne ich Kunst und Politik. Ich halte das nicht für meine Aufgabe, sonst wäre ich Politiker geworden. Mein Job ist es, die Menschen aufzufangen.

Insofern ist es aber auch nicht ganz ungerechtfertigt zu sagen, dass Schlager eher eine triviale Musikgattung ist, oder?

Eine gängige Kritik, das stimmt. Aber in einem Schlagerhit steckt viel mehr Arbeit, als manche Leute denken. Die Schwierigkeit dabei ist, in wenigen Worten etwas auf den Punkt zu bringen, sodass es dabei auch noch gut klingt.

Es geht also nicht nur um den Text.

Ich bin ein sehr melodischer Mensch. Früher habe ich zum Beispiel nie auf den Text geachtet bei Liedern, vor allem wenn sie auf Englisch waren. Die Melodien standen bei mir immer im Vordergrund. Aber eben: Zu einer eingängigen Melodie braucht es auch einen guten Text.

Letztes Jahr wurde sogar die BBC auf Ihr Lied «Drinking Wine Feeling Fine» aufmerksam.

Ich habe das Lied gemeinsam mit Olaf dem Flipper aufgenommen. Im Musikvideo tragen wir rote Pailletten-Blazer, es ist ganz klischeehaft kitschig. Die Redaktion von BBC Radio 2 fand das Lied offenbar witzig, weil es etwas Vergleichbares in England nicht gibt. Also spielten sie es spasseshalber im Radio – und auf einmal wurde es jedesmal gewünscht, wenn in England mal die Sonne schien!

… und das muss sie oft getan haben! Denn das Lied landete nicht nur in den Charts, sondern Sie wurden auch zu einem Live-Auftritt bei Radio 2 in the Park, einem der wichtigsten britischen Musikfestivals, eingeladen.

Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Schiss ich auf dieser Bühne hatte! Ich dachte: Was, wenn die ganze Geschichte nur ein Insider-Witz der Redaktion ist? Aber dann standen wir auf der Bühne – und 20‘000 Engländer sangen mit! Einen deutschen Schlager! «Drinking Wine, feeling fine, Sommer, Sonne, Sonnenschein!» – Das war ein Moment, den werde ich im Leben nicht vergessen.

Vermutlich ist es auch etwas Besonderes, diesen Moment neben der Schlagerikone Olaf dem Flipper zu erleben?

Ich meine, der Mann ist fast achtzig. Er ist seit über fünfzig Jahren im Geschäft und dann fängt er vor 20‘000 partywütigen Engländern an zu springen! Es war so schön zu sehen, dass er auch nach all den Jahren noch immer so viel Freude für seine Passion übrighat. In dem Hinblick ist er ein absolutes Vorbild für mich und ich hoffe, ich darf das auch so erleben.

Sie sind mit 29 Jahren schon sehr erfolgreich. Würden Sie sagen, Sie haben ein erfülltes Leben?

Ich bin auf einem erfüllten Lebensweg unterwegs. Ich bin sehr dankbar für das, was ich erleben darf. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich von meiner Musik leben kann. Aber ich habe noch viele Ziele.

Zum Beispiel?

Ich würde gerne irgendwann eine ausverkaufte Stadiontour machen. Und ich träume davon, eines Tages zweimal in Folge im ausverkauften Häbse-Theater in Basel aufzutreten. Aber auf dem Weg zu diesen Zielen gibt es noch so viele spannende Abzweigungen. Ich glaube, im Leben fährt man glücklich, wenn man sich nicht nur stur auf das konzentriert, was man sich mit 20 vorgenommen hat, sondern die Augen offen hält für Chancen, die sich unterwegs auftun.

 

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