Resonanz: Was wir im Innen und Aussen hören
David Kobelt, Kirchenmusiker und Komponist
Als Kind stellte er sich manchmal vor blind zu sein, ganz geborgen in einer inneren Welt von Tönen und Klängen. «Natürlich bin ich dankbar sehen zu können. Aber dieser Sinn ist im Alltag sehr dominant, so dass man das Gehör vielleicht zu wenig beachtet», sagt David Kobelt, Kirchenmusiker, Komponist und Musikpädagoge. Diesen Herbst wird er sein 30-jähriges Organisten-Jubiläum in der Kirchgemeinde Niederurnen feiern. Auch die Kantorei Niederurnen leitet er seit Jahrzehnten, er übt gerade Haydns «Schöpfung» mit dem Chor. Stilistisch ist Kobelt aber breit aufgestellt – dies zeigt sich auch in den Bistrogottesdiensten mit Jazz, Funk, Pop, Rap oder Gospel, die er in Niederurnen mitgestaltet.
Musiker war immer sein Traumberuf – geprägt durch seine Familie. «Mir ging das Herz auf, wenn mein Grossvater in der Stadtkirche auf der grossen Orgel spielte», erinnert er sich. Auch bei den Proben und Konzerten mit seinem Chor «erfüllt mich oft solch eine Freude, dass es sich für mich schon wie im Himmel anfühlt, vollkommen schön und frei vom Irdischen.»
In der Musik erkennt er einerseits ein göttliches Prinzip – «sie ist ewig, war schon immer da, auch wenn sie in der Zeit verklingt und vergeht. Sie ist unsichtbar, unfassbar und doch spürbar, ihre Kraft kann uns verändern, trösten, ermuntern. Sie kann Freude, Liebe und Trauer - unser tiefstes Menschsein - ausdrücken.» Zudem verbinde sie auch mit anderen Menschen, sei es mit Mitmusizierenden oder dem Publikum: «Auch wenn ich die Zuhörenden nicht sehe, spüre ich wie sie reagieren, welche Spannung oder Energie im Raum ist.» Durch Musik drücke sich auch immer eine Persönlichkeit (Persona, von lat. personare = durchklingen) aus: «Auch wenn zwei mit dem selben Instrument das gleiche Stück spielen, tönt es verschieden.» Das gilt natürlich am meisten für die menschliche Stimme. Sie ist etwas Intimes und transportiert ebenso, wie sich jemand fühlt. An der Orgel fasziniert ihn, dass sie das ganze Hörspektrum des Menschen anspricht, vom fast mehr fühl- als hörbaren tiefen Brummen bis zu den höchsten Flötentönen. «Und weil sie mit dem Luftstrom Klang erzeugt, erinnert sie auch an den Atem Gottes, seinen immerwährenden Lebenshauch.» Musik, die als Schwingung auf Körper, Geist und Seele wirkt, könne vielleicht auch ähnliche Zustände erzeugen wie Gebet oder Mediation. «Hier findet auch Resonanz und Kommunikation zwischen uns Personen und Göttlichem statt. Das Gehör ist unser primärer Zugang für Musik, die uns im Inneren in eine andere Welt eintauchen lässt. Dafür sind unsere Sinne geschaffen. Als Komponist kann ich so aus meiner inneren Welt erzählen.»
Catherine Fritsche, Musiktherapeutin
Der junge Hirte David im Alten Testament lindert mit Gesang und Saitenklang die Leiden des schlaflosen Königs Saul, aber er erlebt auch, wie sein musikalisches Gebet (die Psalmen) ihm selbst wohltut und Gott näherbringt: ein frühes Beispiel für «Musiktherapie», die aber auch noch weitere Wurzeln hat, wie Musiktherapeutin Catherine Fritsche weiss. «Im ursprünglichen Wortsinn heisst ‚Therapie‘ dienen und begleiten, einen gemeinsamen Weg entwickeln, der immer wieder Hinhorchen, Wahrnehmen und auch Offenheit für Unerwartetes verlangt. Er ist jeweils individuell, denn Musik weckt ganz unterschiedliche Assoziationen und Emotionen, in die wir bereits am Anfang unseres Leben eingewoben sind: Ab der Schwangerschaftswoche 16 bis 22 hört ein Ungeborenes eine ‚Urmusik‘: Verdauungsgeräusche der Mutter, die Rhythmen ihrer Atmung und ihres Herzens. Ab der 26. Woche reagiert ein Ungeborenes mit Bewegungen auf die Stimme der Mutter und auf Aussengeräusche. So kann Musiktherapie auch in Risiko-Schwangerschaften wirken, indem sie Geborgenheit und Sicherheit vermittelt – für Mutter und Kind.» Catherine Fritsche erzählt von einem Neugeborenen, dem sie vor der Geburt auf der Leier vorgespielt hatte und das mit grossen Augen erwachte, als sie es mit dem bekannten Klang begrüsste. Jeder Mensch sei musikalisch, ist Catherine Fritsche überzeugt. „Das Hinwenden zu vertrauter oder Interesse weckender und das Abwenden von unangenehmer, vielleicht zu fremder Musik formt die individuelle, familiäre oder auch kulturelle musikalische Heimat, sowie die musikalische Biographie.“
Im Spital begleitet sie Menschen in existentieller Not mit Schmerzen, in Krisen oder am Lebensende – dies kann sich wie eine Verengung oder Erstarrung anfühlen: „Musik, die berührt und bewegt, kann helfen, wieder eine Verbindung zu sich selbst herzustellen – sozusagen zu sich nach Hause führen. Sie erfüllt diese tiefe innere Sehnsucht nach der ‚Urheimat‘, kann zugleich aber den Horizont weiten und beispielsweise Raum zum Atmen schaffen.“ Musiktherapie sei ein Spiel-Raum, eine Einladung, zu horchen, zu fühlen und selber Instrumente anzuspielen. Manchmal sind es Klänge zur Tiefenentspannung, dann wieder der aktive, spontane Ausdruck mittels Stimme oder Musikinstrument, jenseits von richtig und falsch. Sie kann Angst und Schmerz lösen, Mut machen und Hoffnung wecken. Das Gehör ist der letzte Sinn, der noch im Koma Signale und Botschaften aufnimmt. „Daher ist es sehr wichtig, den Menschen selbst anzusprechen und nie über ihn zu reden.“ Die ‚Urmusik‘ des Atems und des Herzens bleibt bis zuletzt wegweisend und kann beantwortet werden – etwa durch Mitsummen beim Klang eines Seufzers. Sterbende zu begleiten, sei somit bis zum letzten Atemzug möglich.
Ruedi Hofer, langjähriger Gehörlosenpfarrer
«Hat Gott eine Stimme? Kann man ihn hören?» wurde Ruedi Hofer einmal während seiner Zeit als Pfarrer im Chlytal gefragt. Seine Antwort war bedächtig – zwar «redet» Gott in der Bibel viel und einige Menschen verstehen ihn auch. Aber nicht jeder bekomme eine Antwort im akustischen Sinn (Anmerkung der Redaktion: auch darum stellen wir in unserem Jahresthema verschiedene menschliche Sinne und «Erscheinungen» Gottes vor.). «Beim Hören ist dann auch noch – wie im Französischen: écouter und entendre, oder Mundart: ghöre und lose – zu unterscheiden.» Wie auch immer: Das Wort Gottes zu verkünden und miteinander zu teilen («lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen», Kolosser 3,16), das wird in den Gehörlosen-Gottesdiensten praktiziert. In Glarus findet ein solcher zweimal im Jahr statt, organisiert ist der Dienst kantonsübergreifend für die Ostschweiz.
Von 2013-2024 hat Ruedi Hofer das Amt des Gehörlosenpfarrers ausgeübt und ist daher in der Gehörlosenszene gut vernetzt. Durch seinen eigenen Vater, der als Sechsjähriger nach schwerer Krankheit ertaubte, war Hofer früh sensibilisiert: «Er kommunizierte über Lippenlesen, auch mit Handauflegen am Hals des Gegenübers. Die Gebärdensprache, welche erst ab den 1980er-Jahren anerkannt wurde, praktizierte er nicht – vermutlich hätte er sie leicht verstanden.» Für Ruedi Hofer selbst ist Gebärdensprache selbstverständlicher Teil des Gottesdienstes (siehe Bild), den er aber ansonsten per Powerpoint hält. Dabei verwendet er meist einfache Sprache und kurze Sätze mit anschaulichen Wörtern, die auch besser gebärdet werden können. Im Gehörlosen-Gottesdienst werden auch Lieder «gesungen» (also gebärdet) und natürlich gebetet, aber eben nicht mit geschlossenen Augen. Für Hörende, die praktisch nie totale Stille erleben (sogar mit Ohrpfropfen dringen noch Laute ein) sei die Vorstellung einer solchen Welt schwierig – Seheindrücke kann man leichter abstellen. Die Corona-Zeit mit der Maskenpflicht habe Gehörlose massiv behindert. Über den Körper können sie dennoch Schallwellen wahrnehmen, etwa Rhythmen oder die Vibrationen sehr tiefer Töne. «So gibt es auch einige teils berühmte gehörlose Musiker», weiss Ruedi Hofer. Wie die Welt für einen (sehr sprachgewandten) Gehörlosen tönt, zeigt er an einem eindrucksvollen Gedicht von Felix Urech*, der seit frühester Kindheit diesen Sinn entbehrt. Vielleicht gibt es eine Vorstellung davon, wie man «Gottes Stimme» auch mit unserem irdischen, unvollständigen Sensorium verstehen kann?
* Felix Urech ist Prädikant und Präsident der evangelisch-reformierten Gehörlosengemeinde Ostschweiz
«Weiss ich es – weiss ich es nicht?»
Glucksen, rascheln, knattern, säuseln, tosen, knittern, piepsen, plumpsen, trippeln, quietschen, schnurren, flattern, knarren, rauschen, klappern, klicken…
Muhen, bellen, miauen, meckern, zirpen, trällern, trompeten, quaken, zischen…
Beethovens 5. Symphonie in C-Dur – intensive Dramatik der Musik.
Tenor, Bariton, Bass, Sopran, Mezzosopran, Alt.
Ich weiss es nicht, wie es tönt und dennoch weiss ich es.
Mein leerstehendes Hörareal wird von den Seh- und anderen Arealen des Gehirns beansprucht. Ich bin ein Synästhet, ein Wesensmerkmal meines Mensch-Seins.
Dank dem präfrontalen Kortex des Gehirns weiss ich es. Das Wunder der Tonwelt ist mir nicht direkt erfahrbar, und doch über das Vorzeigen visueller Dynamik und durch die Intuition in mir drin.
Bilder (zvg): David Kobelt (Kirchenmusiker), Catherine Fritsche (Musiktherapeutin), Ruedi Hofer (langjähriger Gehörlosenpfarrer).
Resonanz: Was wir im Innen und Aussen hören