News von der Glarner reformierten Landeskirche
Gastbeitrag von Martin Dürr

Vergesst die Feste nicht!

von Martin Dürr
min
20.04.2024
Noch ein halbes Jahr, bevor ich in Rente gehe. Fast 40 Jahre im Pfarrberuf. Was macht mir Freude? Was bereue ich? Was wünsche ich der Kirche? Ein Gastbeitrag von Martin Dürr.

Ich bin froh, dass ich diesen Beruf gewählt habe. Genauer: Der Beruf hat mich gewählt. Ich bin mir sicher, dass es der beste Weg ist, mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenzukommen. Es gibt kein Thema, kein Gebiet des menschlichen Lebens und der Welt, das ich ausklammern muss.

Menschen haben mich ein kurzes oder l√§ngeres St√ľck auf dem Weg begleitet. Viele haben mir etwas geschenkt, das unbezahlbar ist, besonders heute: Vertrauen. Ein riesiges Privileg.

Oft rede ich zu viel, statt zuzuhören. Manchmal schweige ich, wenn ich meine Stimme erheben müsste.

Meine Arbeit mit jungen Menschen hat mich wach gehalten. Bewahrt vor dogmatischer Erstarrung und lustloser Verkrustung. Dass mich manche heute noch besuchen und auf neue Gedanken bringen: wunderbar.

Familie und Freunde haben mich durch tiefe Krisen hindurch getragen. Menschen setzen sich bei Gott f√ľr mich ein und halten mich aus, wenn mein Glaube l√∂chrig ist und ich keinen Grund mehr finde.

Zu den Dingen die ich bereue, mal abgesehen von meinen offensichtlichen Fehlern und Unzul√§nglichkeiten: Oft rede ich zu viel, statt zuzuh√∂ren. Manchmal schweige ich, wenn ich meine Stimme erheben m√ľsste.

Wann immer ich sage: Ich kann nicht, meine ich im Grunde: Ich traue mich nicht.

Und viel zu spät fange ich an, mir meine Freiheit zu nehmen. Dabei denke ich, ich hätte es ganz am Anfang meiner Laufbahn begriffen, als Seelsorger im Paraplegikerzentrum und im Gefängnis: Eine Querschnittsgelähmte oder ein Gefangener in seiner abgeschlossenen Zelle können tatsächlich nicht einfach aufstehen und hinausgehen.

Wann immer ich sage: Ich kann nicht, meine ich im Grunde: Ich traue mich nicht, ich halte mich selbst zur√ľck, ich √ľbernehme die Verantwortung nicht f√ľr mein Leben. Sachzw√§nge gibt es dann immer noch genug. Menschen, die uns anvertraut und auf uns angewiesen sind.

Erst mit zunehmendem Alter fange ich an zu realisieren, wie viele M√ľtter an ihre Grenzen und dar√ľber hinaus kommen. Mit dem 24/7 Job f√ľr ihre Kinder da zu sein,plus ¬†berufliches Engagement und manchmal eine Partnerschaft, die mehr Energie verbraucht als gibt. Darauf h√§tte ich viel fr√ľher aufmerksam werden k√∂nnen.

Auch Ehrenamtliche und Freiwillige rennen Marathon um Marathon, die Lasten verteilen sich auf wenige.

Der Kirche w√ľnsche ich, dass ihre Entscheidungstr√§ger:innen bei allem nicht vergessen, dass sie nur eine Institution ist. Sie ist nicht deckungsgleich mit dem Glauben und den Menschen. Im besten Fall kann sie R√§ume zur Verf√ľgung stellen. Im w√∂rtlichen und im √ľbertragenen Sinn.

Mir bereitet Sorge, wie viele meiner jungen Kolleginnen und Kollegen ausbrennen. Auch Ehrenamtliche und Freiwillige rennen Marathon um Marathon, die Lasten verteilen sich auf wenige. Ich w√ľnsche den langzeitig oder vor√ľbergehend aktiven Menschen in der Kirche: Vergesst nie, Feste zu feiern. Auch und gerade dann, wenn etwas nicht gelingen will. Wenn die Budgets schmelzen.

Ich hoffe, dass wir neue Wege finden, Gastfreundschaft zu leben, Begegnungen zu ermöglichen und uns selbst hineingeben, mit Löwenmut und dem Segen des Auferstandenen.

 

 

 

Martin D√ľrr ist Pfarrer und Leiter des Pfarramts f√ľr Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er steht kurz vor seiner Pensionierung, das Pfarramt f√ľr Industrie und Wirtschaft wird danach aufgel√∂st.

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