Wer Ohren hat zu hören, der höre... ( Matthäus 11,15)
Von Pfarrerin Andrea Rhyner-Funk
Zuhören ist eine anstrengende, harte Arbeit. Während beim Sprechen Energie freigesetzt wird, macht Zuhören müde. Je aktiver man zuhört, sich auf den Redner einstellt und Informationen abspeichert, desto intensiver ist eine Einübung von Denken, Fühlen und Handeln in das Hören erforderlich.
Es geht um ein Hören von Mensch zu Mensch, zu Gott und zur Umwelt und meinen Mit-Geschöpfen (Tieren) und somit um ein ganzheitlich Verbunden sein mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
"Ich bin ganz Ohr..." bedeutet für mich: es geht um Leben und Tod, Sinn und Hoffnung und ich habe die Geschichte meiner Mutter in den Ohren, wie sie mir erzählt, dass die Urgrossmutter ab 1941 jeden Abend sie, die 6 damals Jährige anwies, sämtliche Verdunkelungsvorhänge zu zuziehen, an der Wohnzimmertüre Schmiere zu stehen um Alarm zu schlagen, falls jemand unangekündigt kommt, während die Urgrossmutter den Radio auf dem Sofa platzierte, rechts und links davon dicke Kissen an lehnte und selber den Kopf nach unten hin zu Radiosender BBC ausrichtete, um zu hören, wie der reale Frontverlauf beim “Russlandfeldzug Hitlers” war, weil zwei Söhne irgendwo bei Stalingrad waren.
"Ich bin ganz Ohr..." verdeutlicht mir die Bronzefigur vom Kölner Bildhauer Toni Zenz, der Hörende (1958). Mit seinem ganzen Körper und Sein ist da ein Mensch dabei voll und ganz Ohr zu sein, in dem er mit seinen Händen, angewinkelten Armen und seiner Kopfhaltung und Ausrichtung nach oben einen grossen Schalltrichter formt. Das, was er hört, findet keinen Eingang an den Ohren, sondern gleitet hinab, bis zu einer Pforte, die sich auf Herzhöhe befindet. Denn: Mit dem Herzen hören ist ein ganzheitliches Geschehen... egal, ob da der Kopf nach oben oder nach unten wie bei der Urgrossmutter ausgerichtet ist.
Es geht dem Künstler nicht um das Erfassen von akustischen Informationen, sondern um ein Hören in der Tiefe des Herzens. Um ein "hörendes Herz" wie schon König Salomon in 1. Könige 3,9 bat. Schon da wird etwas erahnt, was die Medizin viel später entdeckt hat: Der Mensch hat 4 Ohren! Zwei am Kopf, das ist bekannt. Die anderen beiden Ohren sind die Herzohren, die "Auriculae atrii", wie die Mediziner diese beiden Ausstülpungen am Herzen bezeichnen.
Und so höre ich in mir, in meinen inneren Ohren Musik und die Worte von Helge Burggrabe:
"Höre den Herzschlag des Himmels klingen in deinem Herzen, spüre den Herzschlag der Erde pochen in deinem Sein."
Foto: zvg, Stiftung Zenz, bearbeitet von J. Teuffel
Wer Ohren hat zu hören, der höre... ( Matthäus 11,15)