News von der Glarner reformierten Landeskirche

Wer Ohren hat zu hören, der höre... ( Matthäus 11,15)

von Andrea Rhyner-Funk
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26.03.2026
Denn etwas gesagt ist noch nicht gehört, gehört ist noch nicht verstanden, verstanden heisst noch nicht, dass man einverstanden ist. Man hat es zwar akustisch gehört, aber man hat es letztendlich noch nicht ganzheitlich begriffen. Und Begreifen hat mit Greifen zu tun.

Von Pfarrerin Andrea Rhyner-Funk

Zuhören ist eine anstrengende, harte Arbeit. Während beim Sprechen Energie freigesetzt wird, macht Zuhören müde. Je aktiver man zuhört, sich auf den Redner einstellt und Informationen abspeichert, desto intensiver ist eine Ein­übung von Denken, Fühlen und Handeln in das Hören erforderlich.

Es geht um ein Hören von Mensch zu Mensch, zu Gott und zur Umwelt und meinen Mit-Geschöpfen (Tieren) und somit um ein ganzheitlich Verbunden sein mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

"Ich bin ganz Ohr..." bedeutet für mich: es geht um Leben und Tod, Sinn und Hoffnung und ich habe die Geschichte meiner Mutter in den Ohren, wie sie mir erzählt, dass die Ur­grossmutter ab 1941 jeden Abend sie, die 6 damals Jährige anwies, sämt­liche Verdunkelungsvorhänge zu zuziehen, an der Wohnzimmertüre Schmie­re zu stehen um Alarm zu schlagen, falls jemand unangekündigt kommt, während die Urgrossmutter den Radio auf dem Sofa platzierte, rechts und links davon dicke Kissen an lehnte und selber den Kopf nach unten hin zu Radiosender BBC ausrichtete, um zu hören, wie der reale Frontverlauf beim “Russlandfeldzug Hitlers” war, weil zwei Söhne irgendwo bei Stalingrad waren.

"Ich bin ganz Ohr..." verdeutlicht mir die Bronzefigur vom Kölner Bild­hauer Toni Zenz, der Hörende (1958). Mit seinem ganzen Körper und Sein ist da ein Mens­ch dabei voll und ganz Ohr zu sein, in dem er mit seinen Händen, angewinkelten Armen und seiner Kopfhaltung und Ausrichtung nach oben einen gros­sen Scha­lltrichter formt. Das, was er hört, findet keinen Eingang an den Ohren, sondern gleitet hinab, bis zu einer Pforte, die sich auf Herzhöhe befindet. Denn: Mit dem Herzen hören ist ein ganzheitliches Geschehen... egal, ob da der Kopf nach oben oder nach unten wie bei der Urgrossmutter ausgerichtet ist.  

Es geht dem Künstler nicht um das Erfassen von akustischen Informationen, sondern um ein Hören in der Tiefe des Herzens. Um ein "hörendes Herz" wie schon König Salomon in 1. Könige 3,9 bat. Schon da wird etwas erahnt, was die Medizin viel später entdeckt hat: Der Mensch hat 4 Ohren! Zwei am Kopf, das ist bekannt. Die anderen beiden Ohren sind die Herzohren, die "Auriculae atrii", wie die Mediziner diese beiden Ausstülpungen am Herzen bezeichnen.

Und so höre ich in mir, in meinen inneren Ohren Musik und die Worte von Helge Burg­grabe:

"Höre den Herzschlag des Himmels klingen in deinem Herzen, spüre den Herzschlag der Erde pochen in deinem Sein."

Foto: zvg, Stiftung Zenz, bearbeitet von J. Teuffel

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