News von der Glarner reformierten Landeskirche
Krieg im Nahen Osten  

Zivilbevölkerung im Libanon auf der Flucht

von Tilmann Zuber
min
25.03.2026
Seit Beginn des Irankriegs hat sich auch die Lage im Libanon dramatisch verschärft. Hunderttausende fliehen, die humanitäre Not wächst täglich. Das kirchliche Hilfswerk Heks ist vor Ort, doch die Hilfe gestaltet sich schwierig.

Die Gewalt im Nahen Osten eskaliert. Seit die USA und Israel den Iran bombardieren, hat sich die Lage auch im Libanon dramatisch verschärft. Israelische Luftangriffe treffen Ziele im Süden des Landes und in Beiruts Vororten. Gleichzeitig feuert die Hisbollah Raketen auf Israel. Israel meldet zudem den Einsatz von Bodentruppen im Süden des Libanons. Für die Zivilbevölkerung bedeutet das vor allem eines: Flucht und Unsicherheit.

«Hier in Beirut gibt es ununterbrochen Raketenangriffe», berichtet Dima Wehbi, Landesdirektorin von Heks im Libanon. Sie lebt und arbeitet in der Hauptstadt und beschreibt die Situation als entmutigend. Im Videogespräch mit dem Kirchenboten friert das Bild immer wieder ein, die Kommunikation bleibt schwierig.

Die Eskalation traf das Land unvorbereitet, sagt Wehbi. Seit dem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah 2024 habe es nie wirklich Frieden gegeben. Doch in den letzten Wochen nahmen die Angriffe deutlich zu. In der ersten Woche des neuen Konflikts starben laut Wehbi rund 400 Menschen, darunter viele Kinder. Inzwischen dürften es mehr sein.

Flucht aus dem Südlibanon und Beirut

Die Angriffe zwangen Tausende, ihre Häuser zu verlassen. Vor allem aus dem Südlibanon und den südlichen Vororten Beiruts flohen die Menschen. Die Strassen verstopften schnell. «Manche Verletzte konnten nicht ins Krankenhaus gebracht werden und steckten zwei Tage im Stau fest», erzählt Wehbi gegenüber ref.ch.

Besonders kritisch ist die Lage im südlichen Vorort Dahieh, wo etwa 300‘000 Menschen leben. Die israelische Armee forderte die Bewohner auf, das Gebiet vollständig zu räumen – ein bisher beispielloser Schritt, sagt Wehbi.

Auch im Süden des Landes spitzt sich die Lage zu. Israel drängt die Bevölkerung südlich des Litani-Flusses, ihre Häuser zu verlassen und weiter nördlich Schutz zu suchen. Hunderttausende sind betroffen, darunter auch Bewohner palästinensischer Flüchtlingslager. Viele zögern, weil sie fürchten, nie zurückkehren zu können, und wissen, wie schwer es ist, anderswo eine Unterkunft zu finden. Eben erst erliess Israel zudem eine Räumungsanordnung für ein grösseres Gebiet nördlich des Litani bis zum Zahrani-Fluss, was dazu führte, dass noch mehr Menschen fliehen werden.

 «Die Menschen sind verzweifelt», sagt Wehbi. Hoffnung sieht sie kaum, da der Libanon seit Jahrzehnten in interne Konflikte verwickelt sei und in regionalen Konflikten zerrieben werde.

Humanitäre Lage verschärft sich

Die humanitäre Situation wird täglich schlimmer. In den ersten Tagen der Angriffe war niemand auf die vielen Geflüchteten vorbereitet. Es fehlte an Unterkünften, Matratzen und Lebensmitteln. Zwar richtete man schnell Aufnahmezentren in Schulen und Hallen ein, doch diese sind inzwischen überfüllt. Viele Vertriebene schlafen in ihren Autos oder auf der Strasse, trotz winterlicher Kälte. Nachbarschaftsinitiativen verteilen warme Mahlzeiten und Wasser.

Heks und seine Partnerorganisationen stehen den Menschen mit Schutz- und psychosozialer Betreuung zur Seite und bereiten gleichzeitig die Bereitstellung finanzieller Unterstützung vor. Doch die Hilfe gestaltet sich schwierig, sagt Wehbi. Viele Menschen werden mehr als einmal vertrieben und sind deshalb schwerer zu erreichen. Heks und seine Partnerorganisationen arbeitet seit Jahren im Süden des Libanons und unterstützt dort vier palästinensische Flüchtlingslager. Wie viele Menschen inzwischen im Land auf der Flucht sind, bleibt unklar. Die Zahl der Vertriebene schätzt man inzwischen auf 1 Million Menschen.

Psychische und wirtschaftliche Belastung

Heks bietet in den betroffenen Gemeinden Programme für Frauen und Kinder an, darunter Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt sowie psychosoziale und pädagogische Unterstützung. Diese Hilfe ist jetzt besonders wichtig. Viele Menschen haben sich von den Kämpfen 2024 noch nicht erholt und müssen erneut fliehen. «Die psychische Belastung ist enorm», sagt Wehbi. Angst, Depressionen und Gewalt in Familien nehmen zu. Gleichzeitig verschärft die wirtschaftliche Krise die Not. Schon vor der Eskalation stiegen die Lebensmittelpreise stark. Der Krieg treibt sie weiter in die Höhe.

Trotz der Bedrohung versuchen viele Libanesen, ihren Alltag aufrechtzuerhalten. Eltern bringen ihre Kinder in die Schule, Geschäfte bleiben geöffnet. Doch die Menschen verlassen ihre Häuser nur, wenn es unbedingt nötig ist.

Für viele bleibt nur die Hoffnung, dass die Gewalt bald endet. «Die Hilfe kann unmöglich alle Bedürfnisse decken, die von Tag zu Tag grösser werden», sagt Wehbi. «Das ist das Entmutigendste an dieser Situation.»

 

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