News von der Glarner reformierten Landeskirche
4. Juli

250 Jahre USA: Gott, Fahne und Patriotismus

von Tilmann Zuber
min
29.06.2026
Wenn Religion und Politik verschmelzen und die Agenda im Weissen Haus bestimmen – eine Bestandsaufnahme zum Jubiläum der USA. 

Vor kurzem versammelten sich Tausende nahe dem Kapitol in Washington zu einem öffentlichen Gebet. Präsident Donald Trump las per Video eine Bibelpassage, Verteidigungsminister Pete Hegseth forderte die Teilnehmer auf, unablässig zu beten. Die Grossveranstaltung eröffnete die offiziellen Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der Vereinigten Staaten. Für viele Europäer ist das schwer zu fassen. Kein europäischer Staatschef würde es wagen, wie jeder US-Politiker seine Rede mit «God bless this nation» zu beenden – Spott wäre ihm sicher.

Zwei Kontinente, zwei Wege

Die unterschiedliche Auffassung von Religion in der Politik habe historische Wurzeln, erklärt Andreas G. Weiss, österreichischer Theologe und Religionswissenschafter. Er hat in den USA gelebt und beobachtet die religiöse Entwicklung in den USA seit Jahrzehnten. Im 17. Jahrhundert wanderten viele aus ganz Europa nach Amerika aus, darunter Puritaner oder Hugenotten, die in ihrer Heimat wegen ihres Glaubens verfolgt worden waren. Für die Gründungsväter der USA war religiöse Vielfalt deshalb keine abstrakte Idee, sondern gelebte Realität.

‹One Nation under God› wurde zum Kern der amerikanischen Identität.

Ihre Antwort: ein striktes Trennungsgebot. Die «Bill of Rights» von 1789 legt fest, dass der Staat sich aus religiösen Angelegenheiten heraushält. Gleichzeitig erwähnt die Unabhängigkeitserklärung einen «Creator» – den sie nicht näher definiert, um alle Glaubensrichtungen einzuschliessen. Lutheraner, Katholiken, Juden, Baptisten und Mormonen fanden sich in diesem offenen Bekenntnis wieder. Andreas G. Weiss: «Dadurch entstand eine politische Kultur, in der religiöse Sprache öffentlich präsent bleiben konnte, ohne an eine bestimmte Konfession gebunden zu sein. Sie verzahnte sich über Jahrhunderte eng mit dem staatlichen Patriotismus. ‹One Nation under God› wurde zum Kern der amerikanischen Identität.»

In Europa verlief die Entwicklung gegensätzlich. Über Jahrhunderte bestimmten die gekrönten Häupter, wie der Bürger zu glauben hatte. Erst mit der Aufklärung und dem Entstehen moderner Nationalstaaten trennten sich Kirche und Staat. Heute gilt es in den meisten europäischen Ländern als heikel, wenn Politiker und Politikerinnen religiös auftreten oder Kirchen sich in politische Abstimmungen einmischen. Andreas G. Weiss: «In Amerika war Religion nie das Problem, wie sie es in Europa war. Sie war von Anfang an Teil der Gesellschaft.»

Trump: KalkĂĽl oder Ăśberzeugung?

Kaum eine Figur zeigt die Verflechtung von Religion und Politik in Amerika derzeit so anschaulich wie Donald Trump – und keine ist dabei so widersprüchlich. Viele Europäer können kaum fassen, dass gläubige Christen einen Präsidenten unterstützen, dessen Lebensstil mit christlichen Werten wenig gemein hat: protzender Milliardär statt franziskanischer Armut, grossspuriges Auftreten statt Demut. Doch wer Trump deshalb jeden Glauben abspricht, greife zu kurz, meint Weiss. Trump wuchs als Presbyterianer auf, geprägt von seinem Jugendpastor Norman Vincent Peale, dem Autor des weltbekannten Buches «The Power of Positive Thinking». Peales Theologie war die des Machers: Glaube an den Geist in dir, gib nie auf, dann wirst du erfolgreich. Dieser Geist, so Weiss, präge Trump bis heute.

Lange spielte Religion in Trumps öffentlichem Auftreten keine Rolle – keine Gottesdienste, kein Glaubensbekenntnis. Das änderte sich 2015 mit dem Einstieg in den Präsidentschaftswahlkampf. Plötzlich war Gott präsent. Trump erkannte, dass bestimmte Bundesstaaten und Wählergruppen ein religiöses Bekenntnis erwarten und dass er damit eine mobilisierbare Basis erreichen kann.

Für weisse US-Evangelikale zeigt sich seit den 1970er-Jahren der christliche Glaube in einer konservativen Weltsicht.

Das messianische Narrativ habe Trump nicht selbst erfunden, stellt Weiss fest. Es stamme aus Teilen seiner Anhängerschaft, von Evangelikalen, die ihn als Gesalbten und Retter in der Krise sehen. Trump weiss jedoch, wie er es aufgreift und nutzt. Eine Mischung aus persönlicher Prägung, politischer Berechnung und Reaktion auf die Erwartungen seiner Basis – so beschreibt Weiss Trumps Verhältnis zur Religion. Für viele evangelikale Unterstützer ist Trumps persönlicher Glaube sekundär. Entscheidend ist, ob er ihre politische Agenda vertritt.

Abtreibung und Todesstrafe

Laut Umfrage des Pew Research Center lehnt die Mehrheit der US-Amerikaner den christlichen Nationalismus ab. Doch unter weissen Evangelikalen sieht das Bild anders aus: Sie gehören nach wie vor zu Trumps treuesten Unterstützern.

Der Grund liegt in einem spezifischen Wertesystem. «Für weisse US-Evangelikale zeigt sich seit den 1970er-Jahren der christliche Glaube in der konservativen Weltsicht», erklärt Weiss. Drei Kernfragen dominierten: Abtreibung und die Rechte von LGBTQ-Personen und Frauen. Nach diesem Raster beurteilten viele Evangelikale konservative Politiker, der persönliche Lebenswandel spiele kaum eine Rolle. Für Evangelikale sind alle Menschen Sünder, die die Erlösung durch Jesus brauchen; was zählt, ist die politische Haltung zu diesen Schlüsselthemen.

Hinzu kommt ein tiefes Krisengefühl. Andreas G. Weiss: «Amerika steckt in einem kulturellen Grabenkampf zwischen Liberalen und Konservativen. Rund 30 Prozent der Bevölkerung sind heute säkularisiert.» Das Selbstbewusstsein der USA als Weltmacht sei erschüttert. Gesellschaften in der Krise suchten nach Erlöserfiguren.

Der amerikanische Traum

Seit die Puritaner nach Amerika kamen, sehen sich viele Amerikaner als von Gott erwähltes Volk. Sie wollten gemäss dem Matthäusevangelium eine «City upon a Hill» errichten – ein ideales Gemeinwesen. Der amerikanische Traum versprach, dass jeder und jede einwandern und alles erreichen könne. Die Vision vom Tellerwäscher, der es zum Millionär schafft, hält bis heute. Ronald Reagan beschwor diese Vision in den 1980er-Jahren und übertrug das religiöse Ideal auf die ganze Gesellschaft. Für Reagan war klar: Die Stadttore müssen für alle offen sein.

Donald Trump vollzieht einen fundamentalen Bruch, argumentiert Weiss in seinem jüngsten Buch «Das Ende des amerikanischen Traums». Im Zeichen von «Make America great again» bleibt der amerikanische Traum in dieser Lesart nur noch ein Traum für Weisse und privilegierte US-Bürger – die Stadt auf dem Hügel wird abgeriegelt.

 

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