News von der Glarner reformierten Landeskirche

Denkpause zum 1. August: Zwischen Zigerbrüt und Freiheit

von Heiko Rüter
min
31.07.2026
Freiheit lässt sich am Nationalfeiertag ganz praktisch am Bratwurst-Grill oder am Buffet erfahren: Man nimmt nur so viel, dass genug für die anderen bleibt. Wenn es mal knapp sind, verständigen wir uns unkompliziert auf eine gerechte Lösung. Und wir sollten beim Konsum auch an die Freiheit unserer Kinder und Enkel denken, meint Pfarrer Heiko Rüter.

Ich sehe die vielen Einladungen zum 1.-August-Brunch. Dann wird die Schweiz gefeiert. Alles scheint sich um Zopf und Zigerbrüt zu drehen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich auf den Fotos die reichhaltigen Buffets sehe, zu denen eingeladen wird. Und wenn ich an die Bratwurst denke, die bei den offiziellen 1.-August-Feiern gereicht wird.

Ich ertappe mich dabei, nur an die Leckereien zu denken. Geht es am 1. August vor allem darum? Mir kommt der Schweizerpsalm in den Sinn: «Trittst im Morgenrot daher …». Da werden Zopf und Zigerbrüt mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen singen wir von Morgenrot und Abendglühn, Sternenheer und Wolkenmeer, und dann auch von freien Schweizern und Menschenfreundlichkeit. Offenbar gehören Freiheit und Menschenfreundlichkeit genauso zur Natur der Schweiz wie der Alpenfirn.

Freiheit – über den Wolken muss sie wohl grenzenlos sein, singt Reinhard Mey. Auf der Erde endet meine Freiheit bekanntlich, wo die Freiheit des anderen beginnt. Aber auch umgekehrt: Die Freiheit des anderen endet, wo meine beginnt. Wenn wir uns am Grill treffen, handeln wir ganz selbstverständlich danach: Da nimmt sich niemand die Freiheit, ganz viele oder gar alle Bratwürste auf den eigenen Teller zu laden. Sondern wir lassen genügend für die anderen. Und wenn die Bratwürste mal knapp sind, verständigen wir uns unkompliziert auf eine gerechte Lösung. Ohnehin sollten wir weniger Bratwürste essen, um die Freiheit unserer Kinder und Enkel zu wahren.

Im Strassenverkehr ist es etwas anders. Die Freiheit, mit 100 km/h durch den Kanton zu rasen, endet an unserer Freiheit, uns in unseren Dörfern sicher zu bewegen. Weil wir das nicht jedes Mal miteinander aushandeln können, haben wir uns eine Regel gegeben, die unsere Freiheit schützt: Innerorts höchstens 50 km/h. Und selbst das ist häufig noch zu schnell.

In manchen Lebensbereichen sind diese Regeln kompliziert und vieles ist zu bedenken, um die Freiheit aller Betroffenen zu wahren, z.B. beim Bauen oder Umweltschutz. Dann überprüfen die Verwaltung und manchmal die Gerichte, ob alle Regeln, die wir uns gegeben haben, eingehalten werden. Insofern schützt die Bürokratie unsere Freiheit vor dem Handeln einzelner. Über zu viel Bürokratie kann man sich ärgern und Sparmassnahmen in der Veraltung fordern. Ich frage mich dann, ob sich hinter solchem Ärger auch der Wunsch nach grösserer Freiheit verbirgt – ohne auf die Freiheit anderer allzu viel Rücksicht nehmen zu müssen. Das wäre so unschweizerisch wie eine Schweiz ohne Alpenfirn.

Menschenfreundliche Regeln und Verwaltung schützen also unsere Freiheit. Doch die im Schweizerpsalm besungene Menschenfreundlichkeit ist noch mehr. Bei meiner Arbeit im Spital erlebe ich sie jeden Tag: Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzte und viele andere Mitarbeitende sind für das Wohlergehen der Patientinnen und Patienten besorgt. Dabei machen sie keinen Unterschied zwischen denen, die im Beruf etwas leisten, und denen, die nur wenig oder gar nichts mehr leisten können. Auch nicht zwischen denen, deren Grosseltern schon Schweizer waren, und denen, die erst kürzlich in unser Land gekommen sind. Auch die Hautfarbe macht keinen Unterschied. Wir sind ohnehin alle braun, manche sehr hell, andere sehr dunkel. Und gerade im Sommer viele irgendwo dazwischen.

Solche Menschenfreundlichkeit besingen wir im Schweizerpsalm. Weil sie Menschen sind wie du und ich, begegnen wir anderen Menschen freundlich und setzen uns für ihr Wohlergehen ein wie für unser eigenes. Das gehört zur Natur der Schweiz wie die Berge.

Mit diesen Gedanken wünsche ich Ihnen einen frohen 1. August. Feiern wir fröhlich mit Zigerbrüt und Bratwurst unsere Freiheit und Menschenfreundlichkeit. Lassen wir es uns gut gehen und stärken uns für unser Engagement für unserer Mitmenschen, für ihr und unser Wohlergehen.

Pfr. Heiko Rüter, reformierter Spitalseelsorger, Kantonsspital Glarus

Bild: G. Schmidt

 

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