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Wirtschaft

«Wir haben als Christen eine Bringschuld»

Der Klimanotstand als Chance: Am World Economic Forum WEF in Davos diskutieren führende Verantwortungsträger über Nachhaltigkeit. Ein Pfarrer aus Hannover geht noch weiter – mit dem Segen der ehemaligen «First Lady» Deutschlands, Bettina Wulff. Und ein Freikirchen-Pastor organisiert ein Anti-Food-Waste-Festival.

Er hält Gottesdienste für Menschen, die mit Kirche nichts am Hut haben, und sein Herz schlägt besonders für Führungskräfte, die Verantwortung in Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik tragen: Heino Masemann. Eigentlich ist er Pfarrer in Hannover. Aber er geht dorthin, wo er Potenzial sieht. Diese Woche am WEF in Davos, wo er die Chance nutzt: Er geht über Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen hinaus und wirft die entscheidenden Sinnfragen des Lebens auf. Das Thema seiner Veranstaltungsreihe erhebt einen hohen Anspruch: «Higher Purpose for Life – For A Better Future» (eine höhere Bestimmung im Leben – für eine bessere Zukunft).

Weiten offenen Raum schaffen
Warum braucht es aber gerade einen Pfarrer aus Hannover am WEF in der Schweiz? Masemann wurde von einem deutschen Unternehmer motiviert, der selber schon am WEF teilgenommen hatte: «Er sagte mir, Mensch, es wäre gut, wenn es wirklich Leute gäbe, die den Teilnehmenden helfen, sich zu besinnen.» Im Gespräch hätten sie dann die Idee entwickelt, einen «weiten, offenen Raum» zu schaffen, in dem Führungskräfte über den Sinn ihres Lebens nachdenken können.

Heino Masemann wohnt dieser Tage beim Pastor der methodistischen Kirche Davos, Stefan Pfister, der zusammen mit Hotelier Cyrill Ackermann am WEF ein konkretes Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung setzt. Sie wollen vermeiden, dass die vielen Resten der grossen Apéros und Buffets am WEF als Abfall in der Biogasanlage landen. Das Konzept der beiden sieht vor, dass jeweils am Mittag und am Abend im Langlaufzentrum in Davos ein Buffet angeboten wird. Freiwillige Mitarbeitende sammeln am Morgen und Nachmittag die Speisen in den Hotels ein. Die WEF-Verantwortlichen, Gastro- und andere lokale Unternehmen sowie die Gemeinde Davos begrüssen die Initiative. Gedacht ist das «Food Festival» für die Davoser Bevölkerung und die wenigen Touristen, die nicht Teilnehmende am WEF sind.

«Über Bitten und Verstehen»
Masemann kommt aus eigenem, inneren Antrieb: «Das ist meine Privatgeschichte.» Doch dahinter steckt auch seine Stiftung «Kontinent Sieben», die das Engagement in Davos finanziert. Der Name der Stiftung ist Programm: Die Anzahl der Kontinente sei je nach Sichtweise unterschiedlich festgelegt. Die Frage, ob es einen siebten Kontinent gibt, ist umstritten. Mit Gott, Jesus Christus und dem Glauben, so Masemann, sei es ähnlich. «Die Kontinent Sieben Stiftung thematisiert die unterschiedlichen Einstellungen zum christlichen Glauben und hilft dabei, den umstrittenen Kontinent Gott, Jesus Christus, Glaube zu entdecken.» Mitgetragen wird das Engagement von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Davos Platz. Sie stellt die zentrale Kirche St. Johann vom 21. bis 23. Januar nachmittags während zwei Stunden für geistliche Impulse zur Verfügung. Am WEF-Schlusstag vom 24. Januar wird ein Gebetsfrühstück organisiert. Masemann ist gespannt, wie das Angebot genutzt wird. Er lasse sich überraschen, ist aber optimistisch.

Menschen prägen, die entscheiden
Masemann ist es wichtig, aufzuzeigen, dass es der Auftrag des Menschen sei, die Welt zu gestalten: «Das gehört zu seiner Sinn-DNA.» Er war viele Jahre als Gemeindepfarrer in der Evangelischen Kirche Deutschlands tätig. Heute arbeitet er als Geschäftsführer einer gemeinnützigen diakonischen Organisation. Zudem ist er leitender Pastor der Initiative «Expowal – eine Kirche für Fragende und Suchende» in Hannover und geistlicher Berater für Verantwortungs- und Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien. Aus dieser Tätigkeit weiss er, dass es schwer sein kann, diese mit dem Evangelium zu erreichen, weil sie zum Glauben oft auf Distanz gehen: «Also liegt es an uns Christen. Wir haben eine Bringschuld für Leistungs- und Verantwortungsträger. Sie prägen die Werte und entscheiden in Politik und Wirtschaft. Diese Menschen müssen neu darauf aufmerksam werden, dass der Schöpfergott, dem wir über Jesus begegnen können, hinter allem steht.»

«Ex First Lady» mit dabei
Er sei dankbar, so Heino Masemann, dass er vom lokalen Pfarrer Martin Grüsser unterstützt werde. Wichtig sei ihm,
«dass wir in Davos im Zentrum sind – nicht am Rand oder in einer Nische». Mit dazu beigetragen hat Bettina Wulff, die ehemalige «First Lady» Deutschlands, die von Kontinent Sieben beauftragt wurde, in der Schweiz zu sondieren. Wulff unterstützt Masemann bei den Andachten zusammen mit Christian Grewing, dem Geschäftsführer der Vereinigung für Grundwerte und Völkerverständigung. Mit der Initiative «Verantwortung vor Gott und den Menschen» hat sich die Vereinigung zum Ziel gesetzt, die Völkerverständigung in der Welt durch die Besinnung auf Gott zu fördern. Die Verständigung scheint in Davos auch innerkirchlich zu klappen: Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Davos organisiert zusätzlich jeweils am Abend gottesdienstliche Feiern zum Thema Lebensmittelverschwendung und Stille sowie ein Taizé-Gebet.

Roman Salzmann, kirchenbote-online, 21. Januar 2020