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Leben & Glauben, Spiritualität

Vom Bodensee zum Atlantik in 100 Tagen

03.07.2020
Wenn Catherine Fritsche von ihren Erfahrungen auf dem Jakobsweg erzählt, dann ist es leicht, sich hineinzufühlen in diese besondere Pilgerreise, welche die Musiktherapeutin aus Glarus vor zwei Jahren unter ihre Füsse genommen hat.

Das Wandern liegt ihr wohl im Blut. Sie ist immer schon gerne einfach losgelaufen. Dabei lieber in die Weite und über Pässe als auf die höchsten Gipfel. Das Wandern mit dem Pilgerweg nach Santiago zu verbinden, mag seinen Ursprung in ihrer Kindheit gehabt haben. In Rorschach, wo sie aufgewachsen ist, stand der Jakobsbrunnen mit seiner hellklingenden Glocke, und die habe immer so schön geklungen, meint sie.

Der Entschluss, tatsächlich loszulaufen, entstand dann vor zwei Jahren innerhalb von fünf Tagen. «Ich gehe auf den Jakobsweg!», stand für sie fest. Sozusagen als Testlauf zunächst von Rorschach nach Fribourg, ging es dann in die Vorbereitungen, um schliesslich Richtung Santiago aufzubrechen. Mit dabei der Pilgerstab, den ihr Mann am Fusse des Glärnisch für sie geschnitten hatte, und ihr Sopranino, das täglich auf dem Weg erklingen sollte.

Viel Vorbereitung war nicht nötig, Essen und Schlafplatz haben sich stets ergeben. Unterwegs, so Catherine Fritsche, treffe man viele Menschen mit einer tiefen Sehnsucht, Menschen, die ihr Grüsse mit in ihre Heimat mitgaben oder eine Tasse Tee offerierten. «Der Weg ist segnend!», so die Pilgerin, er habe sich fortwährend vor ihr ausgerollt. Auf Gottesbegegnung angesprochen, berichtet sie von dem Wendepunkt auf ihrer Reise.

Tiefe spirituelle Erfahrung

Lange Zeit war sie ziemlich alleine unterwegs, sah in der Schweiz und auch zunächst in Frankreich wenige Pilgernde. Im dritten Monat schliesslich, in Spanien, waren deutlich mehr Menschen anzutreffen. Dabei ergaben sich auch spontane Begegnungen mit Menschen, die einen Teil des Weges mitgegangen sind. Sie habe immer die richtigen Menschen getroffen, und das sei eine tiefe spirituelle Erfahrung. 

Wichtig sei es aber, sein eigenes Tempo zu finden. Ein Blick auf den Pilgerstab verrät, was sie damit meint. Er ist mit vielen Dingen geziert, die sie auf dem Weg gefunden hat. Ein winzig kleines Schneckenhaus mahnt dabei: «Ich sollte langsamer gehen!»

Vielleicht braucht es ja auch ein wenig mehr Langsamkeit, um das zu erleben, was Catherine Fritsche Richtung Santiago gespürt hat. Dass die Natur und die Menschen zu ihr redeten und mit ihr auf dem Weg waren. Das Gefühl von Ganzheit, Mitmenschlichkeit und Offenheit sowie die Gelassenheit, Dinge auf sich zukommen zu lassen. Dann zu essen, wenn man Hunger hat, und Hilfe immer genau dann zu bekommen, wenn man sie braucht. «Wenn wir alle Wege so gehen würden, könnten wir genau das erleben.» Davon ist Catherine Fritsche überzeugt. 

Nach etwa 100 Tagen kam sie schliesslich in Santiago di Compostela an und konnte ihren letzten Stempel in ihren Pilgerpass verbuchen. Sie weiss: «Ich bin meinen Jakobsweg gegangen.» Dieser Weg ruft sie nicht mehr. Aber sicherlich andere Pilgerwege. 

Dagmar Doll

Über Ihre Erfahrungen wird Catherine Fritsche ausführlich erzählen: «Die Seele geht zu Fuss.» Eine Pilgerreise in Texten, Musik und Bildern mit Musiktherapeutin Catherine Fritsche und Pfarrer Peter Hofmann. Kirchgemeindehaus Glarus, 12. März 2021.