«Am meisten Angst habe ich davor, psychisch in ein Loch zu fallen»
Besuch in einem Einfamilienhaus oberhalb von Altstätten. Pflegefachfrau HF Spitex Brigitte Pileggi klingelt und ruft: «Sind Sie unten?» «Kommen Sie, jeder will diese Aussicht sehen», ruft es zurück. Neben dem Treppenlift führt eine lange, steile Treppe ins geräumige Wohnzimmer mit Esstisch und Küche. Mit einem Lächeln begrüsst uns der Gastgeber mit kräftigem Händedruck und einer Bemerkung über die stattliche Statur des «jungen Mannes». Mit ausschweifender Handbewegung zeigt er auf das Rheintal und die Bergketten von Vorarlberg. «Ich habe diese Aussicht immer geschätzt und geniesse sie auch heute noch.» Danach lädt der 93-jährige an den Esstisch, geht voraus, barfuss, es ist warm. Er macht klar, dass es keinen Grund gibt, das Interview zu anonymisieren. «Ich kann zu dem stehen, was ich erzähle. Das sind keine Geheimnisse», sagt Josef Thalhammer bestimmt.
Schwierig, neue Kontakte zu finden
Seine Frau sei vor 15 Jahren gestorben, die meisten seiner Freunde habe er überlebt. «Es ist nicht einfach, neue Kontakte in Altstätten zu finden», sagt er. «Dass Einsamkeit im Alter zunimmt, lässt sich pauschal nicht sagen», erklärt Urs Noser, seit 2017 Präsident der Spitex Rhycare. Das habe auch eine Umfrage während Corona gezeigt: «Wir waren positiv überrascht, dass sich nur wenige Menschen einsam fühlten – trotz der erschwerenden Umstände.» Entscheidend sei das Umfeld: Wer kaum Leute um sich habe, spüre mit abnehmender Mobilität, wie es einsamer werde – und genau dann brauche es oft die Spitex.
Dass Einsamkeit im Alter zunimmt, lässt sich pauschal nicht sagen.
Bei Josef Thalhammer ist es die Autonomie, die er sich bislang bewahren konnte. Er geniesst ein ausgiebiges Frühstück, schaut gerne fern, und im Winter kann er stundenlang dem Feuer im Kamin zusehen. «Dafür würde ich fast den Fernseher eintauschen», lacht er. Auch der grosse, mittlerweile etwas überwachsene Umschwung gefällt ihm: «Ich muss mich einfach anpassen.» Kürzlich wollte er Äpfel zusammenlesen und stürzte dabei. «War nicht schlimm, aber jetzt lasse ich die Äpfel liegen.»
Die Zurückhaltung, Hilfe anzunehmen, kennt Pflegefachfrau Pileggi von vielen ihrer Klientinnen und Klienten der Generation 80+. Vor allem bei der Körperpflege sei diese Generation deutlich schambehafteter als jüngere, sagt sie. Wichtig sei es, behutsam vorzugehen und langsam einzusteigen. Ein Einschnitt war für Thalhammer, als er vor einem halben Jahr den Führerausweis abgeben musste – als Handelsvertreter für Deutschland und Italien hatte er ein Leben lang viel Zeit im Auto verbracht. «Genau in solchen Momenten schrumpfender Autonomie kommt oft die Spitex ins Spiel», sagt Geschäftsführer Markus Dürrenberger. Die Zahlen zeigen, wie dringend das wird: Allein zwischen 2022 und 2030 nimmt die Zahl der über 80-Jährigen im Kanton St. Gallen um 51 Prozent zu. «Die Kapazitätsgrenzen der Spitex sind schon heute erreicht.» Josef Thalhammer bedauert, dass seine drei Kinder nicht in der Nähe leben. Sie kommen zwar auf Besuch, aber das sei nicht dasselbe. «Ich habe den Eindruck, dass es sich für ihn zuweilen anfühlt, als ob ein Wirbelsturm durch sein Leben fege, was ihn manchmal auch überfordert», sagt Pileggi.
Nähe unter Zeitdruck
«Zuhören ist gut für die Widerstandskraft der Erzählenden. Die Kapazität fehlt aber oft», sagt Markus Dürrenberger. Die Spitex arbeitet mit fixen Zeitfenstern, mit den Kunden Kaffee zu trinken liegt nicht drin. «Manche Kolleginnen setzen dafür ihre Viertelstunde Pause ein», sagt Brigitte Pileggi.
Manche Kolleginnen setzen für ein Gespräch mit ihren Klienten ihre Viertelstunde Pause ein.
Mit der Zeit entstehen Beziehungen, entsprechend wichtig ist vielen Kunden und Spitex Mitarbeitenden Kontinuität – auch Angehörige sind froh, zu wissen, wer täglich vorbeikommt. Bei einem 24-Stunden-Betrieb, sieben Tage die Woche, ist das allerdings schwer planbar. Auch Josef Thalhammer schätzt seine Gewohnheiten und lässt es sich nicht nehmen, regelmässig im Baggersee in Kriessern schwimmen zu gehen. «Früher machte ich das bis Oktober, wenn das Wasser nur noch 14,15 Grad hatte. Das war für mich ein Ausgleich, tat mir gut und als Nebeneffekt war ich nie erkältet.» Heute machen ihm die kalten Temperaturen mehr zu schaffen, in die Sauna geht er im Winter jedoch noch regelmässig. «Das Wichtigste für mich ist, psychisch nicht in ein Loch zu fallen. Davor habe ich am meisten Angst», sagt der rüstige Senior.
Kapazitätsgrenzen erreicht
Präsident Urs Noser, der seit bald 20 Jahren im Spitex-Vorstand tätig ist, sagt: «Die Generation 80+hat ein anderes Gesellschaftsbild als jüngere: Sie sind stolz auf ihre Selbstständigkeit und schämen sich, Hilfe zu holen.» Dürrenberger seinerseits ist sich aber nicht sicher, ob die Hemmschwelle weiter sinkt: «Gesellschaftlich herrscht wieder vermehrt das Motto: Der Stärkere gewinnt.» Diese Haltung erschwert es, Hilfe zu suchen. Die evangelische Kirche in Altstätten wirkt dem mit einigen Angeboten entgegen, die Einsamkeit zumindest punktuell lindern können. Beispielsweise wird im «Eggpunkt», einer Lebensmittelabgabestelle, monatlich ein stark vergünstiger Mittagstisch angeboten, den allein 40 bis 50 Personen der Altersgruppe Ü55 besuchen. Es gibt kapazitätsmässig aber auch Grenzen, etwa beim Besuchsdienst der über 80-Jährigen: Dieser musste in ein jährliches gemeinsames Mittagessen umgewandelt werden – es wurden einfach zu viele.
Gesellschaftlich herrscht wieder vermehrt das Motto: Der Stärkere gewinnt.
Ebenfalls ist es für die Kirche nicht einfach, herauszufinden, wer von den Seniorinnen und Senioren Hilfe brauchen würde. Einsamkeit kommt schleichend und geht oft mit abnehmender Mobilität einher. «Aus Datenschutzgründen dürfen uns die Spitex-Betreuenden keine Fälle melden. Wir können nur sensibilisieren, dass auf unsere Angebote aufmerksam gemacht wird», sagt Urs Noser. Überhaupt sei der fehlende Datenaustausch eines der grossen Probleme. «Man könnte viele Doppelspurigkeiten vermeiden, wenn soziale Dienste, kirchliche Ämter und medizinische Dienstleister besser vernetzt wären.» Immerhin ist das Problem erkannt und derzeit läuft im oberen Rheintal ein Projekt zur Entwicklung einer Informations- und Koordinationsstelle, über welche Unterstützungsbedürfnisse und bestehende Hilfsangebote direkt verbunden, vermittelt und koordiniert werden könnten. Spitex-Geschäftsführer Dürrenberger sagt: «Ich bin guter Dinge, dass hier eine sinnvolle Lösung gefunden werden kann. Wir alle brauchen mehr Effizienz im System, um die grossen Herausforderungen in der Versorgung der Bevölkerung zu meistern. Ein zentraler Punkt ist, dass Bedürfnisse möglichst direkt zu den richtigen Unterstützungsangeboten finden.»
Neuer Gesellschaftsvertrag
Weitere Projekte, die «alleine leben, aber nicht einsam» fördern, sind Nachbarschaftshilfe-Modelle, sogenannte Caring Communities. Dabei wird örtliche Nähe als Ressource genutzt. Auch diesbezüglich gibt es im Kanton Pilotprojekte, bei denen verschieden Protagonisten, darunter auch die evangelische Kirche, zusammenarbeiten. Ebenfalls immer wichtiger werden Angebote zwischen eigener Wohnung und Altersheim: betreute Alterswohnungen, die grösstmögliche Autonomie bieten, aber im Bedarfsfall auch als Pflegestation dienen. Vorteilhaft stehen sie in der Nähe von Altersheimen. So können benötigte Dienstleistungen, wie beispielsweise Essen, bezogen werden. In Altstätten waren 30 solcher neuer Wohneinheiten innert Kürze ausgebucht. Markus Dürrenberger sagt. «Einsamkeit betrifft längst nicht nur Ältere, sondern alle Schichten: Menschen mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende, junge Menschen ohne reale Kontakte.» Auch wenn das Problem erkannt ist und vielversprechende Projekte laufen, wird es noch lange dauern, bis Lösungen umgesetzt werden. Josef Thalhammer hatte sich von unserem Besuch auch Antworten erhofft. Seine Frage am Ende – was er tun solle zwischen erwünschter Autonomie und unerfreulicher Einsamkeit – bleibt jedoch auch nach diesem Gespräch offen.
«Am meisten Angst habe ich davor, psychisch in ein Loch zu fallen»