News von der Glarner reformierten Landeskirche
Fokus: Ohne Frauen keine Kirche

Biblische Heldinnen: vergessen, verkannt, wiederentdeckt

von Nicole Noelle
min
07.09.2026
Zwischen Bibelwissenschaft und Instagram: Feministische Theologinnen wollen die Bibel ohne patriarchale Scheuklappen lesen. Denn wer genau hinschaut, erkennt: Frauen übernahmen schon vor Jahrtausenden Führungsrollen.

Gefragt nach einer Person aus der Bibel, wer kommt Ihnen spontan in den Sinn? Vielleicht Jesus, Mose oder Petrus? Und weshalb nicht Maria Magdalena, Mirjam oder Phoebe? Auch wenn das Gottesbild vom alten Mann mit weissem Bart heute nur noch selten in den Köpfen herumspukt, weisen feministische Theologinnen schon seit Jahrzehnten darauf hin, dass die Wahrnehmung der Bibel patriarchal verzerrt ist.

Adams weibliche Seite

Beispiel gefällig? Gott nahm von Adam eine Rippe und machte aus ihm eine Frau, steht in Genesis 2, 22. «Das hebräische Wort bedeutet eigentlich nicht ‹Rippe›, sondern ‹Seite›», sagt Tina Bernhard-Bergmaier. Die Pfarrerin in Gossau SG ist Präsidentin der Interessengemeinschaft (IG) Feministische Theologinnen. «Und ‹Adam› heisst auf Hebräisch einfach ‹Menschenwesen›.» Der Text bedeute deshalb nicht, dass die Frau aus der Rippe des Mannes erschaffen worden sei, sondern dass wir Menschen verschiedene Seiten haben: männliche und weibliche.

Ähnlich verzerrt nahm man Maria Magdalena wahr. Bis heute gilt sie vielen als reuige Sünderin oder Prostituierte – eine Zuschreibung, die auf eine Predigt von Papst Gregor dem Grossen im 6. Jahrhundert zurückgeht. Der Bibeltext selbst sagt davon nichts. In den Evangelien gehört sie gar zu den ersten Zeuginnen der Auferstehung Christi – zu einer Zeit, in der das Zeugnis einer Frau rechtlich nichts galt.

Wer die Bibel aus einer bestimmten Perspektive liest, setzt sich dem Vorwurf aus, die eigenen Anliegen in sie hineinzuprojizieren. So auch die feministische Theologie. Pickt sie sich einfach das aus der Bibel heraus, was in ihr Schema passt? Bernhard-Bergmaier widerspricht: «Jede und jeder liest die Bibel in einem bestimmten Kontext. Im Gegensatz zu anderen macht das die feministische Theologie transparent.» Einen strikt neutralen Standpunkt gebe es nicht. «Oft ist diese angeblich neutrale Haltung unbewusst patriarchal geprägt. Denn wer selbst ein Privileg hat, sieht das Problem nicht.»

Heldinnen auf Instagram

Eine Pfarrerin, die Frauen öffentlichkeitswirksam in Szene setzt, ist Mirja Zimmermann aus Sumiswald BE. Thema ihrer handkolorierten Instagram-Serie sind «Heldinnen aus der Bibel»: Rahab etwa, die als Ausländerin und Prostituierte mit den Israeliten verhandelte. Oder Lydia, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die als erste Christin auf dem europäischen Festland gilt. «Schon vor Tausenden Jahren standen Frauen in Führungspositionen», sagt Zimmermann, «auch in der Bibel.» Als Nächstes will sie Mirjam porträtieren, die Schwester von Mose und Aaron. «Zusammen mit ihren Brüdern bildete sie ein Dreiergremium, das das Volk Israel leitete. Ohne sie waren Mose und Aaron völlig überfordert. Als sie starb, brach das Chaos aus.»

Übersetzer machten Mann aus Frau

Auch in der frühen Kirche hatten Frauen Leitungsämter inne. Paulus nennt in seinen Briefen die Apostelin Junia und die Diakonin Phoebe. Priscilla und Lydia leiteten Hausgemeinden. Später, als das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches wurde, schloss die Kirche Frauen von Leitungsämtern aus. «Staatliche Leitungsfunktionen waren überwiegend Männern vorbehalten», sagt Bernhard-Bergmaier. Aus der Apostelin Junia machten die Bibelübersetzer kurzerhand den Apostel Junias. Dieser stand jahrhundertelang in den Bibeln – bis die feministische Theologie aufdeckte, dass es sich bei Junia um eine Frau handelte.

Auch Männer nehmen Anliegen der feministischen Theologie auf. So der katholische Theologe Felix Krechan. «Männer, seid mehr wie Jesus!», schreibt er auf Instagram, «lasst euch mal von Frauen korrigieren.» Oder: «Protestiert, wenn Frauen diskriminiert oder angegriffen werden!» Oder: «Seid nicht von erfolgreichen Frauen gekränkt.» Jedes dieser Beispiele belegt er mit einer Bibelstelle.

Mirjam, Phoebe, Maria Magdalena: Die einen vergessen, die anderen jahrhundertelang falsch erzählt. Sie werden wieder neu entdeckt – in der Bibelwissenschaft, in der Predigt und auf Instagram.

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