Auf diese Frau hörten die Männer
Niklaus von Flüe? – Schon gehört, war da nicht etwas mit Flüeli- Ranft? Wiborada? – Wi … was? So geht es wohl vielen, wenn sie diese zwei Namen hören. Obwohl Wiborada besonders für St. Gallen eine bedeutende Rolle spielte und 1047 als erste Frau weltweit heiliggesprochen wurde, geriet sie lange in Vergessenheit. Sie entzog sich den Erwartungen ihrer Zeit, die da hiessen: Heirat oder Kloster. Sie ging selbst bestimmt ihren Weg als Inklusin, um ihr Leben Gott zu widmen und für die Menschen da zu sein. Wiborada liess sich in einer Zelle einmauern, die an die Kirche St. Mangen angrenzte. Darin lebte sie von 916 bis 926. Die Zelle hatte zwei Fenster: eines zur Kirche, eines zur Strasse.
Wiborada rettete Stiftsbibliothek
Der Legende nach sagte sie die Bedrohung St. Gallens durch die Ungarn voraus, sodass die Schätze der heutigen Stiftsbibliothek und viele Menschen in Sicherheit gebracht werden konnten. Sie selber blieb aber in ihrer Zelle und wurde umgebracht. «Ihre Lebensform war kirchlich, denn Inklusin konnte man nur in Abhängigkeit eines Klosters sein», sagt die katholische Theologin Hildegard Aepli, die ein ökumenisches Projekt rund um Wiborada initiiert hat. Die Kirche St.Mangen war damals eine Mönchskirche. Wiborada wurde Beraterin des Klosters – es gibt Bilder von ihr zusammen mit dem Abt. «Sie hatte offenbar eine Ausstrahlung, die Menschen dazu bewegt hat, sich von ihr beraten zu lassen. Die Männer haben auf sie gehört», sagt Aepli. Nach Wiboradas Tod gab es mehrere Inklusinnen in St. Gallen. St.Mangen wurde zu einer Wallfahrtskirche und blieb es bis zur Reformation.

Â
Dass es um eine Heilige seit sieben Jahren ein ökumenisches Projekt gibt, findet Hildegard Aepli grossartig. «Wir arbeiten zusammen – jenseits von allen schwierigen Fragen.» Es gehe darum, das gemeinsame Geschichtsgut und diese oft vergessene Frau wieder ins Bewusstsein zu bringen.» Auch die reformierte Laurenzen-Pfarrerin Kathrin Bolt ist Teil des Projektteams. An Wiboradas Leben fasziniere sie, dass sie für die Menschen da war und deren Anliegen vor Gott gebracht habe, so Bolt. Sie habe den Eindruck, dass momentan wieder mehr Leute diese Hilfe in der Kirche suchten und ein verlässliches Gegenüber schätzten. «Ein Gegenüber, das Zeit hat, zuhört und die Anliegen ernst nimmt», sagt Bolt. «Kirche ist nicht nur Gottesdienst sondern auch Seelsorge.»
Auch fĂĽr Reformierte wichtig
Zum 1100. Todestag Wiboradas nannte Bolt Gründe, weshalb die Inklusin auch für Reformierte wichtig sei. Ob sie lesen konnte oder nicht, darüber stritten sich die heutigen Wissenschaftlerinnen, so Bolt. Fest stehe aber: «Sie konnte alle 150 Psalmen auswendig. Sie befasste sich intensiv mit der biblischen Schrift. Allein das macht sie zu einer glaubwürdigen reformierten Vorbildfigur.» Zudem lehnte die aus wohlhabendem Haus stammende Wiborada Reichtum ab. «Das erinnert mich an die Reformatoren», schreibt Bolt, «die das Gold aus der Kirche entfernten, um Gott in der Einfachheit zu suchen.» Hildegard Aepli ergänzt: Dass Wiborada zwischen zwei Fenstern – das eine zur Kirche, das andere zur Strasse – gelebt habe, sei ein hilfreiches Bild: «Es geht darum, wie ich verbunden bin zur Welt und zu Gott.»
Â

Fokusthema «Ohne Frauen keine Kirche»
Frauen in der Kirchengeschichte lange unsichtbar: vergessen, verdrängt, aus Texten herausgeschrieben. Ein Blick zurück – und in die Gegenwart.
Auf diese Frau hörten die Männer