News von der Glarner reformierten Landeskirche

Denkpause im Sommer: Glaube als Zusammenspiel von Lebendigem und Strukturellem

von Bruno Wyler-Eschle
min
17.07.2026
Ich würde mir wünschen, dass das Lebendige und das Strukturelle nicht Gegenspieler sind, sondern miteinander verwoben den lebendigen Glauben überhaupt erst ermöglichen. Im Sommer spriesst das Leben kräftig und doch ist auch eine Ordnung hilfreich.

Liebe Leserin, lieber Leser, gerade ist ein Regentag. Das Leben indessen spriesst sozusagen mit Nachdruck durch den Sommer hindurch und erfüllt ihn so wunderschön. Ich habe zu tun, und eine rechte Portion Büroarbeit gehört zurzeit dazu. Ich sitze also bei aller Pracht draussen am Pult und habe zu schreiben. Zum Glück ist ein Regentag, dann reut es mich weit weniger, im Büro zu wirken. Schwein gehabt, sozusagen. Nur: Worüber soll ich denn schreiben? Irgendwie kommt mir nicht sofort etwas Gescheites in den Sinn. Das passiert mir halt manchmal.

Was beschäftigt mich denn jetzt? Wie wäre es mit einem Blick zur Schwesterkirche und dem relativ neuen Papst Leo XIV.? Ich meine doch, er gehöre bei aller menschlichen Unvollkommenheit zu den besten Päpsten der letzten Jahrzehnte. Und unvollkommen sind wir ja sowieso alle. So bunt sein Leben ist, und so lebensnah warm er zu den Menschen kommt, so wenig hat er bislang Strukturen aufgebrochen, die aus reformierter Sicht oft veraltet oder verfestigt erscheinen: das ausgebliebene Priesteramt von Frauen, der wirklich offene Um-gang mit sexuell anderweitig orientierten Menschen, der aufgehobene Pflichtzölibat für Priester. Leben versus Strukturen, das sind zuweilen Gegenspieler, nicht nur beim Papst, auch bei uns.

Auch in unserer Kirchgemeinde Ennenda blüht Vieles an Leben auf: Nach dem Abschied des bisherigen Kirchenratspräsidenten und eines weiteren Kirchenrates liessen sich zum grossen Glück erstaunlich rasch Nachfolgende finden. Der wieder aufgegriffene Besuchsdienst für hochaltrig Jubilierende erfährt guten Zuspruch und ein erster Gottesdienst mit einem Gast fand statt. Das ist schön. Unsere Kirchgemeinde zeigt immer wieder wunderbare Begegnungen zwischen den Menschen. Nachdenklich werden wir hingegen bei etwas, das zu-nächst zum Strukturellen der Gemeinde gehört, insbesondere unser Wunsch, den Kirchgemeinderat noch ganz vervollständigen zu können, damit all unsere Ressorts wieder eine Lei-tung haben, deren Aufgaben nicht überfrachtet sind. Die Praxis zeigt: Entscheidend ist, dass solchen Strukturen das Leben, die Bewegung, das sich betroffen fühlen, die Begegnung unter Menschen eingehaucht werden darf und soll. Leben versus Strukturen, das sind zuweilen Gegenspieler, nicht nur bei uns und hier.

Nun gilt es zurecht als Kunst, Strukturen und das spontan Lebendige immer wieder zu verweben. Was an Erlebnissen, Begegnungen und Inhalten hat und braucht nicht auch Gestalt, Form, Organisation und Struktur? In einigen Gesprächen über den Glauben sagen mir Menschen manchmal, dass sie den Glauben für sich frei leben, indem sie sich zum Beispiel in der Natur bewegen, innehalten, zur Ruhe kommen. Und sie bräuchten darob keine Institution, genannt Kirche, dafür. Sicher, zu Gott beten kann man prinzipiell immer und überall. Gott ist zu jeder Zeit und an jedem Ort den Menschen zugewandt.

Allerdings: Wenn es bei der rein individuellen Praxis der Gottesverehrung bleibt, ist das Thema des Glaubens nur noch eine Privatsache. Eine eigene Haltung zum Glauben zu haben, ist dabei gewiss eine feine Sache, aber das Christentum hat halt schon auch soziale und da-mit gesamtgesellschaftliche Anliegen. Die Hilfe an Arme und Schwache nach göttlichem Ge-bot führt zu einer solidarischen Gestaltung der Gesellschaft als Ganzes. Ferner ist mit einer allein privaten Glaubenspraxis nicht recht sichergestellt, dass die Verkündigung des Wortes Gottes und des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Jesu Christi über weitere Jahrzehnte und Jahrhunderte weiterlebt. Die biblischen Geschichten zu erzählen und die Kinder im Glauben zu unterrichten sind nebst der Seelsorge und der diakonischen Hilfe tatsächlich Kernaufgaben von Christinnen und Christen, die auf jeden Fall langfristig nach einer Institution mit Strukturen fragen.

Ich würde mir wünschen, dass das Lebendige und die Struktur nicht Gegenspieler sind, sondern miteinander verwoben den lebendigen Glauben überhaupt erst ermöglichen. Auch Jesus hat Anzeichen hiervon verlautbart. Petrus als Felsen zu bezeichnen, auf den seine Kirche gebaut sei (Mt 16,18), lässt sich auch als Anklang von Hierarchie lesen. Oder sein Sendungsauftrag, wonach Gläubige weltweit die Frohe Botschaft zu verkündigen und Menschen zu taufen haben (Mk 16,15), würde heute wohl Zielorientierung oder Unternehmensvision heissen. Es ist demnach nicht verkehrt, im Gebet Gott sowohl um das Spriessende im Leben wie auch um das Geordnete in Strukturen zu bitten. Und dies nicht nur an Regentagen.

Denkpause zum Sommer 18. Juli 2026 von Pfarrer Bruno Wyler-Eschle

Bild: pixa free

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