Junge Seite: Zwischen Wurzeln und neuen Blüten
Von Liv Knecht
Das gebrochene Eis
Ich weiss noch genau, wie ich vor einigen Monaten an meinem Schreibtisch sass und meinen letzten Artikel verfasste. Das Mädchen, das von den kalten Temperaturen, der dunklen Nachweihnachtszeit und der rettenden heissen Schokolade berichtete, scheint wie eine Figur aus einem Film. Beinahe ist es, als wäre mit den Blumen, den grünen Blättern und der wärmenden Sonne auch ein anderer Teil meiner selbst zurückgekehrt. Oder vielmehr ist auf altem Grund etwas Neues gewachsen. Eine Blume ist durch die Eisschicht gebrochen.
Die Zeitmaschine
Ich mag es, mein Austauschjahr als den Prototypen einer Zeitmaschine anzusehen, die einen zwischen Tagen, Wochen und Monaten hin- und herwirft, manche Tage auseinanderzieht wie einen alten Kaugummi, andere dagegen so mühelos zerdrückt wie frische Himbeeren. Ein Gefühl bleibt dabei immer bestehen: das Gefühl von Veränderung. Selten verging ein Monat, ohne dass ich mich beim Blick auf Fotos vom Monatsanfang wie ein anderer Mensch fühlte. So fühle ich mich nun auch, wenn ich auf den Winter oder sogar auf den letzten Sommer zurückblicke; wie eine Zeitreisende. Eine Zeitreisende, die im spiegelnden Metall der Zeitmaschine auf eine Reflexion ihrer selbst zurückblickt. Und jedes Mal, wenn ich einen Blick auf diese Spiegelung erhaschen kann, füllen sich meine Augen mit Salzwasser. Ausgelöst durch das überwältigende Gefühl von Dankbarkeit für das vergangene Jahr und all die Erfahrungen, die es mit sich gebracht hat.
Von Wurzeln und Blüten
Wenn ich gefragt werde, was mir an meinem Auslandsjahr am besten gefallen hat, weiss ich oft nicht, welche Antwort dieser Frage auch nur annähernd gerecht werden könnte. Dieses Jahr hat mir auf verschiedenen Ebenen so viel gegeben, dass ein einzelner Satz nie alles umfassen könnte, was ich ausdrücken will. Dieses Jahr hat mich viel gelehrt, mich auf die Probe gestellt und mir gleichzeitig gezeigt, dass ich allen Herausforderungen gewachsen war. Es hat mich auf die beste Weise verändert; und trotzdem bin ich immer noch ich selbst. Ich habe noch immer dieselben Wurzeln, doch inzwischen sind so viele neue Blüten hinzugekommen. Dieselbe Blume, doch nun riecht sie etwas anders, vielleicht ein wenig herber. Dafür ist die süsse Note ihres Duftes deutlicher geworden. Genau dies würde ich jedoch nicht sagen, wenn mich jemand nach meinem Austauschjahr fragt. Die Antwort, die der Frage nach den Höhepunkten des Jahres wohl nämlich am ehesten gerecht wird, ist: «die Menschen».
Die Menschen
Rückblickend war Kanada wunderschön. Ottawa hat mich mehr als nur einmal mit seinen Parks, Cafés und Energie summenden Strassen verzaubert. Ich liebe es, neue Orte zu entdecken, durch unbekannte Gassen zu schlendern oder in der Natur zu joggen. Doch was dieses Jahr wirklich unvergesslich macht, sind die Menschen, die mich begleitet haben: meine Gastfamilie, meine Eislauftrainer, meine Freunde. Anfangs fiel es mir schwer, Anschluss zu finden. Doch als ich die richtigen Menschen gefunden hatte, fühlte sich Kanada plötzlich wie ein Zuhause an. Die schönsten Momente dieses Jahres waren diejenigen, die ich mit ihnen teilen durfte. Sie werden mir bleiben, da bin ich mir sicher. Denn wer in so kurzer Zeit einen Platz in meinem Herzen gefunden hat, bleibt ein Teil meiner Geschichte – zwischen Wurzeln und neuen Blüten. Also danke, Kanada. Danke für die Menschen, die mich ein Stück meines Weges begleitet und mich haben wachsen lassen. Jede Blüte trägt ein wenig Trauer in ihrer Schönheit, da diese Schönheit nicht für immer ist.
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