News von der Glarner reformierten Landeskirche

Ittinger Sternstunde: Der Himmel hat keine Adresse

von Tilmann Zuber
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25.06.2026
Wohin schauen wir, wenn wir uns nach etwas Grösserem sehnen? Die Philosophin Barbara Bleisch und der Theologe Martin Werlen sprachen über den Himmel, Vanillepudding, das Ende des Raums und und das Unfassbare.

Von Tilmann Zuber, interkantonaler Kirchenbote

Im Englischen gibt es eine Unterscheidung, die im Deutschen fehlt: «Sky» und «Heaven». Der eine Himmel ist messbar, berechenbar, kartografiert. Der andere ist Hoffnung und eine spirituelle Dimension. Vielleicht auch eine Zumutung, sagte die Literaturwissenschaftlerin Judith Zwick, die das Gespräch in der Kartause Ittingen Anfang Jahr moderierte. Philosophin Bleisch und Werlen, der ehemalige Abt von Einsiedeln, wagten sich an beide Himmel. Was daraus entstand, war weder Katechismus noch Erkenntnistheorie, sondern etwas Seltenes: ein echtes Gespräch über das Unfassbare.

Martin Werlen fotografiert jeden Morgen und Abend den Himmel – in Einsiedeln wie in St. Gerold. «Er war noch nie an zwei Tagen gleich», sagt er. Das klingt wie eine fromme Floskel, ist aber eine Haltung. Wer täglich nach oben blicke, bewahrt sich eine Art Andacht, die weder Kirchgang noch Glaubensbekenntnis braucht.

Der Pudding und das Jenseits

Was verbinden Bleisch und Werlen mit dem Himmel? Werlen antwortet ohne Zögern: «Eine grosse Sehnsucht.» Nach einer Pause fügt er hinzu: Vanillepudding. In einer Predigt habe er gesagt, der Himmel sei für ihn wie eine riesige Badewanne voller Vanillepudding. Zu seinem sechzigsten Geburtstag stand nach dem Festessen tatsächlich eine Kinderbadewanne voller Pudding vor ihm. «Ein starkes Bild», sagt er.

Man könnte diese Antwort als theologische Spielerei abtun. Doch dahinter steckt eine Überzeugung. Werlen will den Himmel nicht mit dem Jenseits verknüpfen. Das Wort Jenseits, sagt er, falle aus der Wirklichkeit heraus. Es denke in zeitlichen und räumlichen Kategorien – und genau das sei der Himmel nicht. «Jenseits ist zu abstrakt, es berührt mich nicht.» Stattdessen sucht er Bilder, die ahnen lassen, nicht erklären. Bilder, die öffnen.

Barbara Bleisch nähert sich Himmel und Jenseits anders. Als sie Kind war, starb ihre Grossmutter. Sie dachte, jetzt lebt sie ewig im Himmel. Doch dann kamen Zweifel: Das geht doch nicht, ewig. Sie ist fasziniert von der unermesslichen Schönheit des Alls, zugleich überfällt sie Verzweiflung, wenn sie sich vorstellt, dass Raum und Zeit ein Ende haben. Dort endet auch das menschliche Denken. Als Philosophin interessiert Barbara Bleisch die Frage nach dem Bewusstsein, die ein Stück weit die Frage nach der Seele ersetzt hat. Mit einer unsterblichen Seele, verstanden als Ich-Bewusstsein, kann sie nichts anfangen. Aber, wenn die Panpsychiker recht hätten: dass alles Lebendige mit Bewusstsein oder Geist durchwoben ist und wir nach unserem Tod reiner Geist werden, Teil eines grossen Ganzen? Das klingt zugegeben wolkig und ist weitaus komplizierter, räumt Bleisch ein – aber vielleicht bedeutet Himmel: zurück ins rein Geistige?

Was bleibt nach dem Tod? Beide sind sich einig: nicht das Ich, das wir kennen. Für Bleisch wird es eine Form des Bewusstseins geben, aber das Ich-Bewusstsein fällt ab. Was bleibt, ähnelt tiefer meditativer Versenkung – ein Sehen ohne «Wie sehe ich?». Kein Wiedersehen mit der Familie, kein Pudding. Nur: Sehen.

Werlen zitiert die johanneischen Schriften: Im Himmel werden wir Gott sehen, wie er ist. Und uns selbst – «unsere Originalität entdecken, als ganze Menschen, mit allem Guten und Schlechten.» Die Wundmale, die wir tragen, werden uns nicht mehr kleinmachen, sondern strahlen. Werlen beschreibt einen Zustand, in dem das Verborgene sichtbar wird. In dem klar wird, wer wir sind.

Auf die Frage, was man einem Kind antwortet, wo der Himmel sei, erzählt Werlen von Papst Franziskus. Ein Junge, dessen Vater nicht gläubig war, aber seine Kinder taufen liess, wollte wissen, ob sein Vater im Himmel sei. Franziskus sagte der Gemeinde: «Stellt euch vor, Gott sagt zu diesem Mann: Grossartig, was du gemacht hast. Komm herein.» Für Werlen ist das «Theologie in Bildern.» Wie der Himmel aussieht, weiss auch er nicht. Zu einem Atheisten sagte er einmal: «Wenn wir sterben, werde ich nicht weniger überrascht sein als Sie.»

Himmel und Hölle?

Jahrhundertelang prägte die Kirche das Bild von Himmel und Hölle. Werlen kritisiert offen, die Kirche habe sich «schwer verfehlt», indem sie Menschen nicht zu Gotteserfahrungen führte, sondern zur Pflichterfüllung zwang. Gott wurde nicht als Du wahrgenommen, sondern wie ein Automat, in den man etwas einwirft, damit er ruhig bleibt. Ein Grossvater klagte einmal, seine Enkel kämen nicht mehr in den Gottesdienst. «Wir mussten auch gehen, und es hat uns nicht geschadet», sagte er. Werlen findet diesen Satz erschütternd. Viele hätten ihr Leben lang den Gottesdienst besucht, ohne zu verstehen, worum es eigentlich geht. Der Massstab, so Werlen, sei die Erfahrung. Man könne den Katechismus auswendig kennen und Atheist sein.» Erfahrung aber lässt sich nicht delegieren, nicht auswendig lernen, nicht versichern. Deshalb mag er konkrete, anstössige Bilder – den Pudding, das grosse Festmahl mit erlesenen Speisen und Weinen, das Jesus beschrieb. «Wer sich an diesen Bildern stört, hat Angst. Doch Angst gehört nicht in den Himmel.»

Was verlieren wir, wenn uns der Himmel abhandenkommt? Barbara Bleisch: «Das Staunen und die Ehrfurcht. Die meisten Menschen fühlen sich beim Blick an den bestirnten Himmel klein, aber nicht erdrückt und allein, sondern getragen – ähnlich wie wenn sie am Strand eines tosenden Ozeans stehen». Der Religionsphilosoph Charles Taylor schreibe in seinem Buch «Cosmic Connections», das moderne Individuum stecke in der Krise, weil es alle Resonanzachsen verloren hat – zur Gemeinschaft, zur Natur, zur Transzendenz. Die Natur erlebten wir heute oft als verfügbar, so dass sie für uns zu funktionieren hat. Polarlichter sollten sich gefälligst zeigen, wenn wir schon in den Norden gereist sind. Der Blick in die Alpen sollte uns gefälligst berühren! «Doch berührt werden wir nur, wenn wir selbst offen sind, empfänglich für die Wunder der Natur, für mystische Erfahrung.» Taylor sagt, viele fühlten sich innerlich mit Wachs überzogen, nichts dringe mehr durch. Er fordert, wir müssten wieder ein poröses Selbst werden. Ein Schwamm ist porös – er saugt Wasser auf, aber hält es nicht fest, sonst fängt er an zu faulen. Diese Wechselwirkung, dieses In-Beziehung-sein, sei das Essenzielle. «Dann entstehen Erfahrungen, die uns tief berühren, Momente des Himmels auf Erden.»

Für Barbara Bleisch hat diese Porosität auch mit dem Umfang mit Leid zu tun. «Wenn wir uns innerlich abschotten, verlieren wir damit die Möglichkeit mit Unglück zu hadern. Hiob hadert mit Gott.» Seine Klage grundiere die gesamte Theodizee-Debatte. Wie kann Gott, der als allgütig, allmächtig und allwissend vorgestellt ist, Leiden zulassen? Warum greift er nicht ein, verschont uns? Es gelte, so Bleisch, auch heute diese Frage auszuhalten, ohne sofort den Schuldigen zu benennen. Wir glaubten heute, uns gegen alle Unbill versichern zu können.

Der Philosoph Thomas Macho spricht vom Atlaskomplex, an dem wir leiden: Der völlig versicherte Mensch schultert wie die griechische Gestalt des Atlas die ganze Welt, will alles Unverfügbare verfügbar und kontrollierbar machen. Doch wir müssten akzeptieren: Es liegt nicht alles in unserer Hand.

Kant und Beethoven

Was empfinden Bleisch und Werlen, wenn sie in den Nachthimmel blicken? Barbara Bleisch zitiert Kant: «Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer Bewunderung und Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.» Darin, sagt sie, komme alles zusammen – die Ehrfurcht, die das Ego relativiert, und die Verpflichtung, «die kurze Zeit, die mir bleibt, nicht zu verschwenden. Respektvoll, anständig, gut zu leben.»

Werlen hört Beethoven, wenn er in den Himmel blickt. Das «Sanctus» der «Missa Solemnis», das ganz sanft beginnt, anders als bei anderen Komponisten. «Das ist klingendes Staunen», sagt er. «Genau dieses Staunen höre ich, wenn ich in den Himmel blicke.»

Bild (Polarlichter in Norwegen): Hans Heinrich Hefti

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