News von der Glarner reformierten Landeskirche

Permakultur im Wiesli: Ein Stück Glarner Erde lebt auf

von Swantje Kammerecker
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31.08.2026
Mitten in der inzwischen dicht bebauten «kleinsten Hauptstadt» ist im Wiesli eine grüne Oase erhalten geblieben, die sich in den letzten Jahren zu einem Leuchtturmprojekt für naturnahen und nachhaltigen Garten-, Obst- und Gemüseanbau entwickelt hat.

Von Swantje Kammerecker, Text und Bilder

Hinter dem etwas verwunschenen Haus im «Wiesli», in das auch die Büros der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Glarus eingemietet sind, breitet sich viel Grün aus. Wiesen, Beete, Gewächshäuser, eine Gärtnerei. Dass diese Oase bis heute zwischen vielen Neubauten erhalten geblieben ist, grenzt fast an ein Wunder – und hat mit der über Jahrhunderte zurückreichenden Geschichte und einer äussert aktiven Gegenwart zu tun. Das prachtvolle Haus samt Land zur «Grossen Wiese» war lange im Besitz der Glarnerin Eva Tschudi und ihrer Familie. Vor 25 Jahren erwarb sie dazu die im 19. Jahrhundert gegründete Gärtnerei Schweizer samt Gewächshäusern, der Betrieb war lange einer der schweizweit grössten seiner Art. 73-jährig eröffnete sie die Gärtnerei neu mit dem Namen «Vrenelisgärtli»; an den «Schweizer» erinnert noch der von einer neuen Besitzerin geführte Blumenladen. Das Magazin der Gärtnerei übernahm Florian Jakober, der vor 19 Jahren am nördlichen Nachbargrundstück «Wiesli» sein Gartenbau-Unternehmen gründete. Er, Moritz Kühne (einer seiner Mieter) und weitere, meist junge engagierte GlarnerInnen sahen in der Grünfläche mitten in der Stadt ein riesiges Potenzial. Sie entwickelten eine Vision, die auch Eva Tschudi teilte, und welche 2021 zur Gründung der IGNA (IG für einen naturnahen, nachhaltigen Lebensraum) führte. 

Zunächst auf kleineren Flächen begann der Aufbau eines Permakultur-Gartens (siehe unten). Der entwickelte sich so gut, dass die Früchte bald nicht nur an einen wachsenden Helferkreis abgegeben werden konnten (im Sinne einer «Solidarischen Landwirtschaft») sondern auch im Glarner Bioladen zum Verkauf angeboten wurden. Parallel engagiert sich der Verein auch über das Wiesli hinaus für die Gemeinde Glarus mit dem 2021 lancierten «Grow Up Day» und seit 2022 mit dem Neophytentag sowie für die Stadtbegrünung. An solchen Aktionstagen werden einmal jährlich mit vielen Freiwilligen öffentliche Grünflächen aufgewertet und invasive Pflanzen entfernt. Im Wiesli ist inzwischen ein grosser Bestand an altbewährten, weniger durch Klima und Krankheiten gefährdeten Sorten herangewachsen und zugleich das Wissen über sie. Zur reichhaltigen, bunt durchmischten Pflanzenwelt gesellten sich Kune-Kune Schweine, die den Boden für die Saat vorbereiten, schneckenvertilgende Pommern-Enten, sechs Bienenvölker, die fleissig  beim Befruchten helfen und Honig produzieren und auch Hühner. Diese wohnen unter einem Nussbaum – «der gibt Stoffe ab, die das Ungeziefer von den Hühnern abhalten, der Hühnermist düngt wiederum den Baum», erklärt der Landschaftsgärtner und Biobauer Moritz Kühne bei einer Führung durch den Garten. Eins vieler Beispiele für Synergien, wie sie in einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft genutzt werden. «Bei uns gibt es keinen ‘Abfall’ . Baumschnitt, Gras und anderes Pflanzenmaterial werden zu fruchtbarem Humus oder zum Abdecken von Beeten verwendet. In einem lebendigen Boden ergänzen sich Mikroorganismen und Pflanzen perfekt: Die Pflanze ernährt die Kleinstlebewesen mit Zucker, jene wiederum stellen der Pflanze Mineralien und Mikronährstoffe zur Verfügung und produzieren Abwehrstoffe gegen Schädlinge.»

Was im Kleinen schon gut funktionierte, wurde im vorletzten Jahr zu einem grösseren Projekt:  Basierend auf der Masterarbeit einer Studentin der Hochschule Rapperswil wird die einstige 9000 qm grosse Wiese Wiesenfläche, früher an Bauern verpachtet,  nach und nach zu einem fruchtbaren und diversen Gebiet umgestaltet. Ermöglicht hat dies eine von der inzwischen verstorbenen Eva Tschudi gegründete Stiftung. Fruchtbar im mehrfachen Sinne: wo früher Gras war, blüht nun ein weitläufiger Kartoffelacker, auf dem z.B. auch der einheimische Schwandener Röseler angebaut wird. In neuen Beeten wachsen Gemüse und Blumen miteinander. Schweine und Enten haben Teiche erhalten und bereits einigen Nachwuchs bekommen. Ein Sitzplatz mit selbstgebautem Pizzaofen, ein Zelt für Yoga-Kurse und das 2025  eröffnete Garten-Bistro «Gärtli» sind weitere «Früchte», die den kreativen Köpfen des Vereins entsprungen sind. Und sie sind weiter am Planen: Das Wiesli soll sich als Ort für Events, als Bildungs- und Anschauungsort, schliesslich zum Kompetenzzentrum für nachhaltige Garten- und Landwirtschaft entwickeln. Bei steigenden Erträgen soll ein Hofladen eröffnet werden. Auch Heilpflanzen werden immer mehr ein Thema.

Produktives Miteinander

In den wenigen Stunden auf dem Areal begegne ich vielen engagierten, glücklich und entspannt wirkenden Menschen, deren lebendiges und unterstützendes Miteinander an die produktiv vernetzte Pflanzenwelt erinnert. Natürlich gebe es auch bei ihnen manchmal unterschiedliche Ansichten und Diskussionen, doch das sei bereichernd, «wir möchten das Beste aus allen Welten zusammenführen», so Florian Jakober. 

Spürbar ist es jedoch nicht nur ein Ort, der Menschen anzieht, sondern auch Frieden ausstrahlt. Für das Interview nach der Gartenführung lassen wir uns am Friedenstisch nieder: Er wurde aus dem Holz einer gewaltigen Pappel gezimmert, die nach dem zweiten Weltkrieg von Eva Tschudis Vater als «Friedensbaum» gepflanzt wurde. Im Hitzejahr 2018 wurde er krank und war nicht mehr zu retten. Heute versammelt er Menschen, die sich – «in Zeiten von Kriegen und Klimakrise wichtiger denn je»  – tatkräftig für den Erhalt einer gesunden, vielfältigen Schöpfung, für eine lebenswerte Zukunft und ein Miteinander der Geschöpfe einsetzen. Wer beim Wiesli-Projekt mitmachen will, kann sich beim Verein für regelmässige oder gelegentliche Einsätze melden, Gönner werden oder ein Gemüse-Abo lösen. Aber auch einfach mal vorbeikommen und sich die Oase zeigen lassen. Mehr: igna-glarus.ch (QR-Code)

Was ist Permakultur? Der Begriff ist aus den englischen Wörtern „permanent“ und „agriculture“ zusammengesetzt. Er steht für eine ökologische, kreislauforientierte,  ressourcenschonende Bewirtschaftungsmethode in der Landwirtschaft und im Gartenbau, welche die Qualität von übernutzten Böden verbessert und deren Fruchtbarkeit erhält und erhöht. Mit der vermehrten Nutzung ökologischer Synergien kann auf Kunstdünger und Pestizide verzichtet werden. Statt auf Monokultur wird auf Vielfalt und Fruchtwechsel gesetzt. Dabei kommen sowohl altes Erfahrungswissen zum Einsatz (wie etwa die Kürbis-Bohnen-Mais-Kultur der Mayas) wie auch neue Erkenntnisse der Landwirtschaftsforschung. Permakultur macht weniger anfällig für grosse Ernte-Ausfälle, ist aber lokal, also nicht auf Massenproduktion, ausgelegt. Indem Menschen miteinander arbeiten und die Ernte teilen, verbindet es die in der heutigen Lebenswelt oft entfremdeten Konsumenten und Produzierenden wieder miteinander und sensibilisiert Menschen für die Natur.   

 

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