Denkpause zum Reformationstag
Von Pfarrer Bert Missal
Ende Oktober, Anfang November gedenken Protestanten der Reformation. Geschichtlich hat sich daran die Gegenreformation angeschlossen mit einer Bildungsoffensive des neu gegründeten Jesuitenordens und dem Prunk des spanischen Barock. Leider gab es in der Folge lange und schwere kriegerische Auseinandersetzungen. Wichtig ist die Idee, dass die Erneuerung der Kirche eine immerzu fortzusetzende ist (ecclesia semper reformanda). Wichtig ist auch das zweite Vatikanische Konzil, das in der römisch katholischen Kirche weitreichende Reformen vollzogen hat.
Ein grosser Schritt des Auf-einander-zu-gehens der Kirchen in Europa ist die Charta Oecumenica aus dem Jahr 2001, die 2025 ihre zweite Auflage bekommen hat. Im Rahmen einer Feier in der Stiftskiche in Neuenburg am 21.11.2026 wird die revidierte Charta Oecumenica ratifiziert. Damit übernehmen die Kirchen der Schweiz die im November 2025 in Rom auf europäischer Ebene unterzeichnete revidierte Charta formell.
Kernstück der Charta ist: «Wir verpflichten uns, … auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens gemeinsam zu handeln und zu leben, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind und nicht Gründe des Glaubens oder größere Zweckmäßigkeit dem entgegenstehen.»
Ein gelungenes Beispiel solcher gelebten Ökumene ist die KKK-Reise, die seit einigen Jahren organisiert und durchgeführt wird. Es gibt regelmässig noch freie Plätze im Bus, die von Interessierten gerne besetzt werden können. KKK steht für Kirche, Kultur und Kulinarik. Es trennen die Konfessionen 500 Jahre. Davor gibt es eineinhalb Jahrtausende gemeinsamer Geschichte. Diesmal war es interessant, bei einer Führung zu hören, dass der Name Marias, der Mutter Jesu, im Koran öfter vorkommt als in der Bibel. Sie heisst dort Maryam. Sure 19 ist nach ihr benannt und hat 98 Verse.
In der Charta Oecumenica gibt es einige Selbstverpflichtungen wie «allen Versuchen zu widerstehen, Religion und Kirche für ethnische, nationalistische, politische oder populistische Zwecke zu missbrauchen», «uns für die Rechte und das Wohlergehen junger Menschen in der Gesellschaft einzusetzen, indem wir Themen wie Bildung, Beschäftigung, Generationengerechtigkeit und mentale Gesundheit ansprechen.»,
«Fremdenfeindlichkeit und allen negativen Darstellungen von Migranten entgegen zutreten, jegliche Art von Zwangsmigration abzulehnen und denjenigen, die es benötigen, Zuflucht und Schutz zu bieten.» und die «die fortlaufende Bewertung der ethischen Implikationen solcher Technologien zu unterstützen, um sicherzustellen, dass sie mit dem Gemeinwohl übereinstimmen, die Suche nach Wahrheit fördern und in der Achtung des Wertes und der Würde aller Menschen verwurzelt sind.»
Darin wird deutlich, mit welcher Vielfalt an Themen sich die Charta Oecumenica befasst. Möge sie nicht verhallen, sondern zwischen den Kirchen und in der Gesellschaft heilvolle Wirkung entfalten.
Bert Missal, Pfarrer, Beauftragter für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit, Dekan
Denkpause zum Reformationstag