Junge Seite: Durchblick im Chaos
Kennen Sie das? Sie sitzen im Auto, das Navi spricht mit ruhiger Stimme, und plötzlich biegen Sie falsch ab. Keine Panik, kein Vorwurf, nur ein nüchternes «Route wird neu berechnet». Manchmal wünschte ich mir, das Leben hätte dieselbe Gelassenheit. Stattdessen berechnet es ständig neu, ohne uns zu verraten, wohin es eigentlich geht.
Wir leben in einer Zeit, in der wir so viel wissen wie nie zuvor. Wir kennen den Wetterbericht für die nächsten vierzehn Tage, die Börsenkurse in Tokio und die Meinung eines Unbekannten aus dem Internet zu fast allem. Und trotzdem fühlen sich viele orientierungsloser denn je. Es ist, als stünde man in einer riesigen Bibliothek, in der alle Bücher gleichzeitig vorgelesen werden. Laut. Und jedes behauptet, das Wichtigste zu sein.
Dazu kommt die Zukunft. Sie hatte schon immer die unangenehme Eigenschaft, unbekannt zu sein. Früher hat man das hingenommen. Heute gibt es zu jeder Unsicherheit mindestens drei Prognosen, zwei Expertenrunden und eine Push-Nachricht. Sicherer macht uns das kaum. Je mehr wir über mögliche Krisen lesen, desto mehr fühlen wir uns für alle gleichzeitig zuständig. Und wer für alles zuständig ist, ist am Ende vor allem eines: müde.
Vielleicht liegt der Durchblick deshalb nicht darin, noch mehr zu wissen, sondern bewusst weniger zu wollen. Nicht jede Nachricht muss gelesen, nicht jede Diskussion gewonnen, nicht jede Frage heute beantwortet werden. Wer im Nebel wandert – und davon verstehen wir im Glarnerland etwas –, schaut auch nicht angestrengt zum Gipfel. Er schaut auf den nächsten Schritt und auf die rot-weisse Markierung am Stein. Mehr braucht es oft nicht. Wer schon einmal frühmorgens mit der Stirnlampe aufgebrochen ist, kennt das Prinzip. Die Lampe leuchtet vielleicht drei Meter weit. Nicht bis zur Hütte, nicht bis zum Gipfel und schon gar nicht bis zum Wetter von übermorgen. Und trotzdem kommt man an. Niemand kehrt nach zwei Schritten um, nur weil er das Ziel noch nicht sieht. Im Gegenteil: Gerade weil der Lichtkegel so klein ist, achtet man plötzlich wieder auf das, was direkt vor einem liegt. Auf Wurzeln, auf Steine und manchmal sogar auf den eigenen Atem. Erstaunlich, wie weit man mit drei Metern Licht kommt.
Zugegeben, das Chaos wird dadurch nicht kleiner. Die Nachrichten kommen weiterhin, die Zukunft bleibt ungewiss, und irgendwo zwischen Ziegelbrücke und Linthal biegt man trotzdem mal falsch ab. Aber vielleicht dürfen wir uns ein wenig von der Gelassenheit des Navis abschauen. Falsch abgebogen? Kein Drama. Route wird neu berechnet.
Bild: Wandern im Nebel: Lampe an und Mut für die nächsten Schritte
Text und Bild: Andri Zubler
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