«Predigen ist anspruchsvoller als Schauspielern»
Frau Lemke-Signer, wo stehen Sie lieber, auf der Bühne oder auf der Kanzel?
Quantitativ war die Bühne grösser. Mein grösstes Publikum bestand aus rund 1500 Menschen. Das werde ich in der Kirche wohl eher nicht erleben (lacht). Aber die Arbeit in der Kirche ist für mich erfüllender, sie hat eine andere Tiefe. Wobei ich die beiden Berufe nicht gegeneinander ausspielen möchte. Es sind zwei zauberhafte Berufe.
Was hat Ihnen bei der Schauspielerei gefehlt?
Die Schauspielerei selbst gibt mir bis heute viel: die Auseinandersetzung mit Texten, Figuren und Menschen. Schwieriger fand ich das Business drumherum – die ständige Akquise, sich selbst immer wieder präsentieren zu müssen, auch gewisse Eitelkeiten. Ganz aufgegeben habe ich die Schauspielerei nicht. Ich gebe Theaterkurse und inszeniere weiterhin.
Mit 40 begannen Sie ein Theologiestudium. War das eine Sinnkrise?
Nein. Ich hatte einfach das Bedürfnis, mich noch einmal intellektuell mit etwas auseinanderzusetzen, und fragte mich: Was interessiert mich wirklich? So kam ich zur Theologie. Ich schrieb mich zunächst als Hörerin an der Universität Zürich ein. Aus einem Kurs wurden immer mehr, irgendwann war ich regulär eingeschrieben. Daneben studierte ich Erziehungswissenschaften und dachte lange, dass ich vielleicht eher in diese Richtung gehen würde. Nach dem Bachelor und einer Studienpause entstand nach und nach der Wunsch, Pfarrerin zu werden. Einen einzelnen Schlüsselmoment gab es nicht – es war ein Prozess.
Sie haben sich als junge Frau von der katholischen Kirche abgewandt. Warum?
Ich bin katholisch aufgewachsen, war Ministrantin und habe Jugendgruppen geleitet. Als junge Erwachsene konnte ich aber wegen Themen wie Missbrauch und Frauenordination mit der katholischen Kirche immer weniger anfangen. Mit 17, 18 Jahren war Kirche für mich zunächst vorbei.
Stephanie Lemke-Signer, 54, ist Schauspielerin und Pfarrerin in Schaffhausen. Ihre Schauspielausbildung absolvierte sie in München und Wien. Sie spielte unter anderem in «Marienhof», «Der Bulle von Tölz» und der Schaffhauser Musicalproduktion «Die schwarzen Brüder». Mit etwa 40 begann sie Theologie und Erziehungswissenschaften zu studieren, den Master in Theologie absolvierte sie in Basel. Seit 2016 arbeitet sie für die Kirche. Sie ist Mutter zweier Kinder.
Was bedeutet Glaube für Sie persönlich? Gab es auch Zeiten, in denen Sie nicht geglaubt haben?
Der spirituelle Boden war eigentlich nie weg. Als Kind war für mich selbstverständlich: Da gibt es den lieben Gott. Später kamen Zweifel, vor allem an meinem Gottesbild. Aber eine atheistische Phase hatte ich nie. Mit meinem ersten Kind kam die Frage zurück: Was möchte ich ihm mitgeben? Später hörte ich in einem evangelischen Gottesdienst eine Pfarrerin predigen und dachte: Wow, damit kann ich etwas für mein Leben anfangen. Das war ein wichtiger Moment. Das Theologiestudium hat meinen Glauben dann weiter vertieft. Ich kann gut damit leben, dass es Dinge gibt, die wissenschaftlich nicht erklärbar sind und mich trotzdem tragen.
Was verlangt Ihnen mehr ab: eine Rolle zu spielen oder eine Predigt zu halten?
Ich glaube, eine Predigt. Dabei soll nicht meine Person im Vordergrund stehen, sondern das Wort. Ich muss mich sorgfältig mit einem Bibeltext auseinandersetzen und ihn gleichzeitig so vermitteln, dass er etwas mit dem Alltag der Menschen zu tun hat. Das finde ich anspruchsvoll.
Ist eine Predigt nicht auch eine Form von Inszenierung?
Es gibt Parallelen. Auch als Schauspielerin arbeite ich mit einem vorgegebenen Text, dessen Worte nicht meine eigenen sind und die ich mir trotzdem zu eigen mache. Ähnlich ist es mit einer Predigt. Aus der Schauspielerei helfen mir zudem die Stimmbildung, die Sprechtechnik und die Erfahrung, vor Menschen zu stehen. Pfarrerin ist schliesslich auch ein Kommunikationsberuf.
Hilft Ihnen die Schauspielerei auch, wenn etwas schiefgeht?
Sehr. Bei meiner ersten Taufe war das Taufkind schon etwas älter und empört darüber, dass ich seinen Kopf nass machte. Also versuchte es kurzerhand, mich ebenfalls zu taufen. Ich habe einfach mitgespielt. Durch die Schauspielerei habe ich gelernt, bei Unvorhergesehenem offenzubleiben und darauf zu vertrauen, dass einem schon etwas einfällt.
Was bedeutet es heute, Pfarrerin zu sein, wo sich Kirche und Gesellschaft stark verändern?
Natürlich stellt sich die Frage, wohin sich die Kirche entwickelt. Aber ich halte diesen Beruf für unglaublich wichtig. Wir sind auch dafür ausgebildet, bei den existenziellen Fragen dranzubleiben. Ich hoffe, dass es uns noch lange gibt. Ich leite etwa einen Bibelgesprächskreis, in dem die Jüngste 22 und der Älteste Mitte 80 ist. Mit diesen Menschen unterwegs zu sein und gemeinsam über solche Fragen nachzudenken, ist etwas Schönes.
Was kann eine Predigt, was ein Theaterabend nicht kann?
Eine Predigt kann sehr nachhaltig wirken. Schliesslich waren es auch Predigten, die mich ins Theologiestudium und bis hierhergebracht haben. Im Theater entsteht durch Schauspiel, Musik und Atmosphäre eine unmittelbare emotionale Wirkung. Bei einer Predigt ist das anders. Aber wenn ein Wort auf etwas trifft, das in einem Menschen bereits gärt, kann viel passieren.
Wäre Ihr Leben ein Theaterstück: Wie würde der zweite Akt heissen, der jetzt beginnt?
«Weiter heiter – heiter weiter!»
«Predigen ist anspruchsvoller als Schauspielern»