News von der Glarner reformierten Landeskirche

Warum drehen sich die Uhrzeiger nicht andersherum?

von Andri Zubler
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02.06.2026
Stellen wir uns mal vor, wir wollen eine Uhr erfinden. Besser noch, die allererste Uhr überhaupt. Sie haben eine Chance, das perfekte Zeitmessinstrument zu bauen. Wie entscheiden Sie sich?

Von Andri Zubler

Zeiger, die sich drehen, und das Ziffernblatt sollen übersichtlich sein. Das Ganze soll möglichst intuitiv ablesbar sein. Sie setzen sich hin, denken nach, und kommen zum ersten grossen Entscheid: In welche Richtung sollen die Zeiger drehen? Links? Rechts? Sie denken, das sei doch egal. Ist es aber nicht. Und der Grund dafür steht nicht in Ihrer Uhr, sondern auf dem Boden.

Die Sonnenuhr der Hochkulturen

Den Start lieferte die Sonne. Genauer gesagt, der Schatten. Bevor es Uhren gab, gab es Sonnenuhren. Und Sonnenuhren funktionieren simpel: Ein Stab steckt im Boden, die Sonne wandert, der Schatten auch. Auf der Nordhalbkugel, wo die meisten frühen Hochkulturen siedelten, wandert dieser Schatten im Laufe des Tages von links nach rechts. Von Norden aus betrachtet, dreht er sich also genau so, wie wir es heute als «Uhrzeigersinn» kennen. Die ersten mechanischen Uhren im Mittelalter kopierten dieses Muster einfach. Warum auch nicht? Es war das Einzige, was die Menschen kannten.

Interessanterweise gab es Uhren, die andersherum liefen. In der südlichen Hemisphäre wandert der Schatten nämlich von rechts nach links. Hätte die Uhrenindustrie nicht im Jura und im Neuenburgischen Fuss gefasst, sondern irgendwo auf der Südhalbkugel, würden die Zeiger heute vielleicht in die andere Richtung laufen. Und die Schweiz wäre trotzdem Weltmarktführer. Das zumindest darf man wohl annehmen.

Ein augenzwinkerndes Denkspiel

Warum nicht anders? Gehen wir davon aus, wir starten heute von null. Keine Tradition, kein mittelalterlicher Schatten, keine nordhalbkugeligen Vorannahmen. Beide Richtungen funktionieren technisch gleich gut. In der Schweiz würden wir das natürlich demokratisch lösen. Eine Initiative würde lanciert, das Komitee träfe sich in Bern, und nach zwei Volksabstimmungen und einem Ständemehr wäre die Drehrichtung der Zeiger in der Bundesverfassung verankert. Immerhin mit Gegendarstellung der Westschweiz.

Zugegeben, am Ende ist die Drehrichtung einer Uhr kein Problem, das den Alltag ernsthaft belastet. Aber es ist ein schönes Beispiel dafür, wie viele Dinge, die wir für selbstverständlich halten, eigentlich nur zufällig so geworden sind. Die Sonne stand einmal irgendwo, ein Schatten wanderte, und seither dreht sich die halbe Welt brav in dieselbe Richtung. Und die Schweiz exportiert diese Richtung seit Jahrhunderten in alle Welt — präzise, pünktlich, und ohne gross darüber nachzudenken, warum eigentlich.

 

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