Denkpause: Auffahrt - nach Hause
Immer wieder spricht Jesus in den Evangelien des Neuen Testaments unserer Bibel vom Menschensohn. Möglicherweise hat er sich wirklich mit dieser endzeitlichen Gestalt, die im Buch Daniel des Alten Testaments beschrieben wird, identifiziert. Am Ende des Abschnittes Daniel 7, 13-15 heisst es: «Mir, Daniel, wurde mein Geist im Innern betrübt, und die Schauungen in meinem Kopf erschreckten mich.» Wie entsetzlich wäre es, denke ich, wenn jemand anders als Jesus diese Macht bekäme! Ähnlich wurde die Auferstehung Jesu von den Frauen am Grab erlebt:
Da gingen sie hinaus und flohen fort von dem Grabe, gebannt von Zittern und Entsetzen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich. (Markus 16, 8)
Nach den ältesten Handschriften endete so ursprünglich das Markusevangelium. Das schieben wir gern zur Seite und verniedlichen lieber ein wenig. Doch Jesus muss es ganz ernst gewesen sein, als er zum römischen Statthalter Pontius Pilatus sagte: «Mein Königreich ist nicht von dieser Welt.» (Johannes 18, 36)
Mit Wahrheit hat es etwas zu tun. «Was ist Wahrheit?» fragt Pilatus zurück. Offensichtlich ist sie unbedeutend, spielt keine Rolle in seiner Welt. Truth Social gab es damals noch nicht. Aus diesem Nullpunkt, diesem Tiefpunkt machtzentrierter Orientierungslosigkeit führt Jesu Auferstehung heraus. Ohne Erschütterung geht das nicht. Nicht niedlich, eher packend und überwältigend, wie es Christian Fürchtegott Gellert beschreibt: «Dies schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder; es stürzt mich tief und es erhebt mich wieder, lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde zu Gottes Freunde.» (RG 449, 4)
Zweimal wird Jesu Auffahrt erzählt, einmal mit (Apostelgeschichte 1,9) und einmal ohne Wolke (Lukas 24,51). Einmal mündet die Auffahrt Jesu in den Himmel unmittelbar in Freude! Einmal werden die galiläischen Freunde Jesu durch zwei weiss gekleidete Männer aus ihrer Andacht gerissen und über Jesu Wiederkunft belehrt.
Doch so einfach der Reihe nach wie wir es im Kirchenjahr feiern, geht es in der Bibel nicht zu. Einige Zeit später hat der Christenverfolger Saul von Tarsus eine Vision von Jesus. Er wird nun zum Christen, lässt sich taufen und unermüdlich verkündigt er das Evangelium von Jesus Christus. Sind die Erscheinungen Jesu in der Welt doch noch nicht abgeschlossen?
Ganz anders wird im Johannesevangelium erzählt: Der Auferstandene Jesus begegnet da zunächst nur Maria Magdalena. Zu ihr sagt er, was sie auch den Jüngern ausrichten soll: «Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.» (Johannes 20,17)
Wohin geht denn Jesus an Auffahrt? - Gott spricht, lässt sich aber nicht durch Sprache in den Griff bekommen; nicht durch magische, mythologische oder mystische Sprache können wir Gott vollständig erfassen. Auch nicht durch Lobpreis. Vielen Kindern bin ich begegnet. Sie hatten alle einen Rucksack und liefen in die gleiche Richtung. Ich dachte an Wandertag und fragte sie: «Wohin wandert ihr?» Sie antworteten: «Nach Hause.»
Klar: Kein Wandertag, sondern ganz normale Mittagszeit. Alle gehen nachhause. Sie kommen aber an ihrer je eigenen Adresse an und nehmen an ihrem je eigenen Mittagstisch platz. Jesus wurde geboren, hat sein Menschenleben gelebt und ist sogar hinabgestiegen in das Reich des Todes. Nach dem allen geht er an Auffahrt nach Hause: zu seinem himmlischen Vater, den auch wir ansprechen dürfen: «Unser Vater im Himmel.» So macht er uns zu seinen Geschwistern und gibt uns Teil an seinem Zuhause. So selbstverständlich wie die Kinder mittags dürfen wir am Abend unseres Lebens vertrauen und sagen: «Nach Hause gehe ich.» Jesus, der uns zu Geschwistern und Gotteskindern macht, ist schon da: Im gemeinsamen Zuhause bei Gott, das je eigene Heimat ist.
Denkpause von Bert Missal, Pfarrer in Netstal 9. Mai 2026,
Denkpause: Auffahrt - nach Hause