Nähme ich Flügel der Morgenröte
Von Dagmar Doll
Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit. Erste Nachweise, dass Menschen Geräte entwickelten, um zu fliegen, reichen in das 5. Jahrhundert vor Christus und nicht wenige kennen die Geschichte von Ikarus aus der griechischen Mythologie, der aus Wachs ein Fluggerät baute, dessen Übermut er aber mit dem Leben zahlen musste. Und dann natürlich der grosse Leonardo da Vinci, der am Schreibtisch eine Art Flugzeug konstruierte. Doch erst viel später starteten die Menschen erfolgreiche Flugversuche: so der Deutsche Otto Lilienthal, der ab 1867 mit Flugapparaten experimentierte, gebaut nach Analysen der Vogelflugs und technischen Studien. Ende des 19. Jahrhunderts eröffnete er die weltweit erste Flugzeugfabrik der Welt. Wenige Jahre später konstruierten die Gebrüder Wright in den USA die ersten Flugzeuge mit Steuerruder.
Warum träumt der Mensch vom Fliegen? Ist es ein wichtiger Gegenstand der Globalisierung, um schnellstmöglich von a nach b zu kommen oder gilt es, den Forscherdrang der menschlichen Spezies zu befriedigen? Beides wird zutreffen und doch ist es wohl noch etwas anders. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, singt Reinhard May in seinem berühmten Lied. Alle Ängste, alle Sorgen bleiben demnach unter den Wolken verborgen und alles was eben noch so gross erscheint wird nichtig und klein.
Frederik und Finley, zwei junge Flieger
Das bestätigen auch zwei junge Flieger, die ich befragen durfte. Frei und cool sei es gewesen, als Frederik zu einem Tandemsprung im Paragliding anhob. Keine Angst, ein wenig Adrenalin, aber vor alles das Gefühl, einmal über den Dingen zu schweben. Das Glarnerland von oben, das war superschön. „In jede Richtung konnte ich schauen!“ Das bestätigt auch Freund Finley, bei dem das Fliegen aber nicht eine einmalige Sache ist. Er fliegt seit einem Jahr und segelt dabei mit dem Segelflugzeug über den Wolken. „Ich geniesse es, lautlos durch die Lüfte zu gleiten und das Glarnerland von einer anderen Lage zu bewundern“. Sein Ziel ist die Abschlussprüfung und dann will er sie mitnehmen, Familie und Freunde und ihnen das zeigen, was ihn so fasziniert. Das Glarnerland aus seiner Perspektive. Lautlos wie beim Segelflug war der Paragliding-Flug nicht, meint Frederik, den Wind hat man deutlich hoch über der Fronalp gespürt und als sein erfahrender Mitflieger zu einigen Spiralen ansetzte, da wurde es richtig laut. „Und da habe ich auch voll das Adrenalin gespürt!“ Und auch wenn sich das alles recht ungewohnt angefühlt hat, so ohne Flugzeug um einen herum, er würde es sofort wieder machen. Der Flug war viel zu kurz.
Die Sehnsucht nach Freiheit
Es ist wohl dieses Gefühl der besonderen Freiheit und der Leichtigkeit, die Menschen beflügeln und davon träumen lassen frei zu sein wie ein Vogel. Kennen Sie die Geschichte vom Adler im Hühnerhof, die in verschiedenen Varianten erzählt wird? Ein junger Findelvogel wurde auf einem Hühnerhof aufzogen, lernte Körner picken und ging die meiste Zeit zu Fuss. Bis eines Tages ein kundiger Mann vorbeikam und erklärte: „Dies ist ein Adler, lasst ihn fliegen!“ – Doch der Besitzer sagte, das sei unmöglich, da der Vogel nun gelernt habe, als Huhn zu leben. Der Vogelkundler aber forderte den Adler auf, seine mächtigen Flügel auszubreiten und den Flug zu wagen. Das war erst nicht einfach: Er versuchte es, indem er den Adler auf seinen erhobenen Arm setzte, dann auf ein Dach, aber nichts half. Erst als er ihn in die freie Natur brachte, erwachte im Adler eine nie zuvor gekannte Sehnsucht, und so breitete er seine Schwingen aus, flog in die Weite und kam nie mehr zurück.
Bild: zvg
Nähme ich Flügel der Morgenröte