Ursula Tolle: «Ich habe Freude daran, Verantwortung zu übernehmen»
Von Irene Spälti, Kantonalkirchenrätin
Obwohl Ursula Tolle nicht in einer speziell kirchlich geprägten Familie aufwuchs, ist sie seit vielen Jahren in verschiedenen Rollen aktiv für die Kirche und ihr Umfeld. Der Kontakt mit Menschen bei kirchlichen Anlässen gefällt ihr sehr. Vor allem die Gottesdienste und die Atmosphäre dort haben sie gepackt. Die Musik und die Worte der Pfarrpersonen prägten sie. Sie merkte: Hier würde ich mich auch beruflich wohlfühlen. So entschloss sie sich, die Ausbildung zur Sozialdiakonin zu absolvieren. Theologische Fragen interessierten sie und im dreijährigen Theologiekurs konnte sie diese Themen vertiefen. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit bei «Alo-Job» suchte sie eine neue Herausforderung.
In dieser Zeit wurde sie von der Kirchgemeinde Glarus-Riedern angefragt, das Präsidium zu übernehmen. An der Kirchgemeindeversammlung – die wohl längste in der jüngeren Geschichte der Gemeinde – wurde sie schliesslich mit einer Anstellung sehr knapp gewählt. Bisher hatte sie ganz selbstverständlich im kirchlichen Umfeld mitgearbeitet; Frausein war nie ein Thema. Erst als es um eine bezahlte Stelle ging, wurde ihr bewusst, dass sie sich als Frau für das Amt beworben hatte. Bei einem Mann wäre die Frage der Entschädigung wohl mit weniger Diskussionen verbunden gewesen. Für sie war dies jedoch wichtig: Sie musste mitverdienen, da sie zwei Kinder in Ausbildung hatte. In ihre Amtszeit in Glarus-Riedern fiel die Vorbereitung der Fusion der Kirchgemeinden Glarus-Riedern, Ennenda und Netstal. Sie begleitete den ganzen Prozess als Präsidentin; leider kam damals die Fusion nicht zustande.
Geglückte Fusion
Hingegen konnte sie die kürzlich vollzogene Fusion des vormaligen Kirchenkreises zur Kirchgemeinde Glarus-Nord zu einem glücklichen Abschluss bringen: Nach einem Umzug ihrer Familie nach Näfels war sie 2022 für das Präsidium der damaligen Kirchgemeinde Mollis-Näfels angefragt worden, nachdem der ganze Kirchenrat zurückgetreten war und ein Sachwalter eingesetzt wurde. «Ich wollte, dass es weitergeht und wusste: Ich kann das, ich habe Erfahrung.» Sie hat Freude daran, Verantwortung zu übernehmen und das Vertrauen, dass es gut kommt: «Wir denken und Gott lenkt».
Respektvolle Zusammenarbeit
Die Zusammenarbeit während des Fusionsprozesses erlebte sie als gut, sehr unterstützend und von gegenseitigem Respekt geprägt. Doch beim Start der neuen Kirchgemeinde erlebte sie auch einen kleinen Schock. Ursula Tolle verabschiedete viele Ehemalige: Kreiskirchenräte, Delegierte, ehemalige Kirchenräte, eine Wand von Leuten. Dann begrüsste sie die Neuen, vier Leute und sie selbst: «Vorher waren wir so Viele. Jetzt liegt die ganze Verantwortung auf uns. Schaffen wir das?» Der Anlass am 1. März war eine Feier für die Menschen in der neuen Kirchgemeinde, ein Sonntag mit vielen Blumen und viel Optimismus. «Die Gemeinde ist wie ein Blumenstrauss»: Diesen Titel will sie als Motto durchziehen. Die Arbeit für die Kirche bezeichnet sie als anspruchsvolle Aufgabe, die professionell ausgeführt werden muss. Dafür brauche es unbedingt auch Frauen – nicht nur fürs Kuchenbacken, Apéro ausschenken oder andere, natürlich ebenfalls wichtige, helfende Tätigkeiten. «Meine Erfahrung zeigt: Frauen überlegen es sich oft gründlich, bevor sie eine Verpflichtung eingehen, doch dann sind sie absolut verlässliche Mitarbeiterinnen. Kirche ist eine gute Plattform, um seine Talente einzubringen und innovative Projekte professionell zu leiten, oder ein Amt zu übernehmen.»
Danke, Ursula Tolle, für deinen Einsatz und für das Gespräch!

Fokusthema «Ohne Frauen keine Kirche»
Frauen in der Kirchengeschichte lange unsichtbar: vergessen, verdrängt, aus Texten herausgeschrieben. Ein Blick zurück – und in die Gegenwart.
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